Der Polenmutter Wiegenlied

F. Abt

Schlaf' mein Kind, und träume,

Stille ist die Nacht,

Und die alten Bäume

Flüstern um die Hütte sacht.

Schlaf', mein Kind, in tiefem Schlummer

Lieget rings die öde Welt;

Schwere Nacht und blut'ger Kummer

Lagern auf dem weiten Feld.

Durch das Land mit ehrnen Sohlen

Schreitet dumpf die Tyrannei;

Auf den Gräbern edler Polen

Wandeln ihre Schritte frei.

Schließ' die Augenlieder,

Schlaf', mein Kind, so sacht;

Wasser rauschen nieder

Übers Wehr die ganze Nacht.

Wiegenlieder klingen leise,

Doch die kurze Nacht entflieht;

Dann wird tönen andre Weise,

Dann wird dröhnen andres Lied!

Purpurn durch der Träume Weben

Schaut des Lebens Morgenglut,

Purpurn schaut es in dein Leben --

Aber von der Väter Blut

Schlaf', mein Kind, so linde,

Stille ist die Nacht;

Wolken gehn und Winde,

Und der Mond steht aus der Nacht.

Wirst du nach dem Vater fragen,

Lallend kaum, du armes Kind!

Werd' ich dich zum Hügel tragen

Wo sie all begraben sind.

Wo, vom Heimatgrund umschlossen,

Alle liegen Hand in Hand,

Väter, Brüder, Schwertgenossen --

Freiheit, ach! und Vaterland.

Schließ' die Augenlieder,

Schlaf' mein Kind so sacht;

Alte Heldenlieder

Wehn um's Haus die ganze Nacht.

Schlaf', mein Kind, dir vorzusingen,

Wird die Mutter nimmer müd;

Bist du groß, dann will ich singen

Dir ein Lied das Funken sprüht --

Ha! ein Lied von blut'gen Klingen,

Vaterland und Wassenspiel;

Und das Schwert dich lehren schwingen

Das des Vaters Hand entfiel.

Schlaf', mein Kind, und träume,

Stille ist die Nacht,

Und durch Gottes Räume

Ziehen tausend Sterne sacht.