Ein Jude

F. Abt

Ich ward verhöhnt, ich ward verstoßen,

Ich ward getrieben her und hin,

Ich ward verachtet von den Großen,

Weil ich ein armer Jude bin.

Ich habe keine Ruhestätte,

Nicht einen Ort nach freier Wahl, --

Du Gott der Liebe, Du errette,

Erlöse mich von meiner Qual!

Gepriesen hab' ich Deinen Namen

Im heißen, brünstigen Gebet,

Ich hab' gefleht, wie Judas Samen

In seinen stillen Tempeln fleht.

Der Christen Haß schlang eine Kette

Um mich, und um mein Volk zumal, --

Du Gott der Liebe, Du errette,

Erlöse mich von meiner Qual!

Ist Gottes Sohn denn nicht gekommen,

Damit er Euch die Liebe brächt'?

Doch haltet Ihr, wie ich vernommen,

Den Judenhaß für Pflicht und Recht.

Euch blieb der Dorn nur und die Klette,

Euch traf nicht seiner Liebe Strahl, --

Du Gott der Liebe, Du errette,

Erlöse mich von meiner Qual!

Für Freiheit schlagen Eure Herzen,

Doch gebt ihr sie dem Juden nicht,

Und ihr wollt schau'n der Freiheit Kerzen?

Ihr wolltet schaun das ew'ge Licht?

Erst müßt ihr brechen unsre Kette,

Und unsrer Banden harten Stahl, --

Du Gott der Liebe, Du errette,

Erlöse uns von unsrer Qual!