Rose und Nachtigall

F. Abt

Die Rose lag im Schlummer,

Im grünen Gemach,

Es klopften Schmetterlinge,

Doch wurde sie nicht wach.

Es lockte der laue Abend,

Sie bleibet im Haus;

Es locken gold'ne Sterne,

Sie tritt nicht heraus.

Es rollt der Donner oben,

Sie springt nicht empor;

Es zuckt der Blitz hernieder,

Sie hebt nicht den Flor.

Da tönt herab vom Zweige

Ein schmerzliches Lied,

Das aus der wunden Seele

Der Nachtigall zieht;

Und bringet ihr ein Ständchen

Vom Blätterbalkon,

Ein Ständchen voll von Liebe,

Im flötenden Ton.

Da schließt das Knospenfenster

Die Rose still auf,

Und schaut zu dem Sänger

Erröthend hinauf;

Sie fühlt zum erstenmale

Ein Schwellen der Brust,

Sie ist zum erstenmale

Sich Liebe bewußt!

D'rob freuet sich der Himmel,

Der Rosen erschuf,

Denn Liebe ist vom Himmel

Der Rose Beruf!

D'rum ziehet er ein Sternlein

Vom Haupt sich entzückt,

Und hat damit den Busen

Der Rose geschmückt;

D'rum nimmt er eine Perle

Vom Morgenthau rein,

Und leget sie der Rose

In's Herzblatt hinein.

D'rum zeugen Stern und Perle

Im Rosenkelch klar,

Daß Rose ist geschaffen

Zum Liebesaltar! --