Vergiss für mich die Rose nicht
F. Abt
Der Frühling beut die letzte Spende,
Die Nachtigall klagt leiser schon,
Sie ahnt des Glückes Sonnenwende,
Dieweil in Saaten blüht der Mohn;
Hoch überm Scheitel steht die Sonne,
Uns strahlend jetzt im stärksten Licht; --
O Lenz, in deiner Scheidewonne
Vergiß für mich die Rose nicht!
Akazien und Linden sprühen
Balsamisch süße Düfte aus;
Es zieht beim ersten Morgenglühen
Die Freude schon von Haus zu Haus;
Das Herz das sorgenvoll gepreßte,
Erhebt sich, seine Fessel bricht;
Es naht das schönste aller Feste: --
Vergiß für mich die Rose nicht!
Johannistag, du Fest der Liebe,
Bist zu beglücken uns bereit;
Und ob des Frühlings Pracht zerstiebe,
Du spendest doch uns Seligkeit;
Du führst zur Weisheit, Schönheit, Stärke,
Nimmst uns die Binde vom Gesicht;
Du weihest uns zum guten Werke: --
Vergiß für mich die Rose nicht!
Es wankt sogar am Wanderstabe
Der Greis herbei im Silberhaar;
Der Kinder Lust ist seine Labe,
Die frische muntre Enkelschar;
Und auf dem Lager selbst der Kranke,
Er ist heut voller Zuversicht,
Was ihn beseelt nur ein Gedanke: --
Vergiß für mich die Rose nicht!
Akazien und Linden blühen
Auch auf des Friedhoss stillem Plan,
Johannisgrüße auszusprühen
In diesem grünen Ozean;
Und aus den Wellen unverrücket,
Den Gräbern, eine Stimme spricht:
Du, den ich liebend einst beglücket,
Vergiß für mich die Rose nicht!