Weiblicher Sinn
F. Berner
Was sanft und mild und mit bescheidner Sitte
Zum Ernst des Lebens reiht das heitre Spiel,
Und an den frommen Wunsch die zarte Bitte:
Es ist das schöne weibliche Gefühl.
Was sorglos um des Lebens Blüthen webet,
Still pflegend jeden köstlichen Gewinn,
Und unbewußt zum Schönen sich erhebet:
Es ist des Weibes unbefangner Sinn.
Was anspruchlos der Kraft des Mannes weichet,
Erröthend, die sie sanft verzeiht, der Schuld;
Durch milde Nachtsicht stets ihr Ziel erreichet:
Es ist des Weibes freundliche Geduld.
Was überwallt in heilig süße Thränen,
Wird zärtlich es gerührt von Lust und Schmerz,
Von nahem Glück, von niegestilltem Sehnen:
Es ist des Weibes zartbesaitet Herz.
Was demuthsvoll auf neue Hoffnung schauet,
Ist ihm des Glückes Augenblick verblüht,
Und kindlich einer höhern Macht vertrauet:
Es ist das hohe weibliche Gemüth.
Was Honig saugt aus jeder Lebensblume,
Des strengen Richters Urtheil mildern heißt,
Und sich das Rechte wählt zum Eigenthume:
Es ist des Weibes engelreiner Geist.
Was ew'gen Einklang in sich selbst gefunden,
Sich heiter stets der strengen Pflicht ergibt,
Gestärkt von der Erinn'rung schöner Stunden:
Es ist das Herz des Weibes, wenn es liebt!