Wir standen vor einem Grabe

F. Bischof

Wir standen vor einem Grabe,

Umweht von Fliederduft;

Still mit den Gräsern des Hügels

Spielte die Abendluft.

Da sprach sie bang und leise:

"Wenn von der Welt ich schied,

Und kaum noch Angedenken

Noch lebt in deinem Lied;

Wenn du auf weiter Erde

Verlassen und einsam bist,

Und nur im Traum der Nächte

Mein Geist dich leise küßt:

Dann komm zu meinem Grabe,

Von Flieder und Rosen umlaubt,

Und neig' auf die kühlen Gräser

Das heiße, müde Haupt.

Ein Sträußchen duftiger Blumen

Bringst du wie sonst mir mit;

Mich weckt aus tiefem Schlummer

Dein lieber, bekannter Schritt.

Dann will ich mit dir flüstern

So heimlich und vertraut

Wie damals, wo wir innig

In's Aug' uns noch geschaut.

Und wer vorüber gehet,

Der denkt: es ist der Wind,

Der durch die Blüthen des Flieders

Hinsäuselt leis' und lind.

Und wie du lebst, das Kleinste

Berichten sollst du mir,

Und ich will dir erzählen,

Was ich geträumt von dir.

Wenn dann der Abend gekommen,

Und Stern an Stern erwacht,

Dann wünschen wir uns leise

Und heimlich: gute Nacht!

Du gehst getröstet nach Hause

Im Abenddämmerschein,

Und unter meinen Blumen

Schlaf' ich still wieder ein."