Beim neuen Wein

F. Draeseke

Ein Bäumlein seh' ich ragen

Am weissen Winzerhaus.

Das will den Menschen sagen:

Hier schenkt man neuen aus!

Aus feuchten Kellerkammern

Still süsses Duften weht!

Der Mann ist zu bejammern,

Der hier vorübergeht!

Es lupft der Wirt die Haube

Und streicht den roten Latz!

Im Garten in der Laube

Ist noch für einen Platz.

Er spricht und in den Keller

Still lächelnd taucht er ein!

Fahr wohl, mein letzter Heller,

Es muss geschieden sein!

Gott grüss Euch allzusammen

Und geb Euch froh Gemüt!

Hei, wie die Wangen flammen

Und manche Nase glüht!

Es trank die Traube heuer

Sich satt am Sonnenlicht!

Drum strahlt wie rotes Feuer

Der Trinker Angesicht!

Am Zechtisch sitzt behaglich

Der Pfarrer oben an.

Wer besser trinkt ist fraglich,

Er oder der Kaplan?

Schulmeister durch die Brille

Blickt kreuzfidel umher

Und trinkt in aller Stille

Den dritten Schoppen leer!

Amtsschreiber nippt manierlich

Nach feiner Städter Art.

Der Förster minder zierlich

Taucht in das Glas den Bart!

Des Dorfes kluger Bader

Den schweren Humpen hebt;

Ich glaub' der Mann kam grader,

Als er nach Hause schwebt.

Es wandelt auf und nieder

Ein Mägdlein braun und rund.

Rot, wie an ihrem Mieder

Die Nelken, ist ihr Mund.

Es macht die flinke Kleine

Kein freies Scherzwort bang.

Nun fehlt zu Weib und Weine

Nichts weiter als Gesang!

Der Meister von der Schule

Wischt sich die Lippen ab.

Jetzt steht er auf dem Stuhle

Und schwingt zum Takt den Stab

Und zu der Gläser Läuten

Klingt durch die Laube hin:

Ich weiss nicht was soll es bedeuten,

Dass ich so traurig bin!