Das eine Lied

F. Draeseke

Ich weiß der Lieder viele,

Und singe was ihr liebt.

Das ist wol gut zum Spiele,

Weil Wechsel Freude giebt;

Doch hätte Lieb' und Friede

Genug an Einem Liede,

Und fragte nicht, wo's hundert giebt.

Jüngst sah ich einen Hirten

Im stillen Wiesenthal,

Wo klare Bächlein irrten

Am hellen Sonnenstral.

Er lag am schatt'gen Baume,

Und blies als wie im Traume

Ein Lied auf einem Blättlein schmal.

Das Lied, es mochte steigen

Nur wenig Tön' hinauf.

Dann mußt' es hin sich neigen,

Und nahm denselben Lauf.

Es freut' ihn immer wieder;

Gern hätt' ich meine Lieder

Geboten all dafür zum Kauf.

Er blies sein Lied, und lies es,

Und sah sich um im Hag,

Hub wieder an und blies es,

Ich schaute wie er lag:

Er sah bei seinem Blasen

Die stillen Lämmlein grasen,

Und langsam fliehn den Sommertag.