Helge's Treue

F. Draeseke

König Helge fiel im heissen Streit,

Und mit ihm fiel die geliebte Maid,

Sie fiel, was mochte sie leben?

König Helge, der Held, und die Maid Sigrun,

Sie mussten zu Zwei im Hügel ruhn;

Sein Hengst, der ruhte daneben.

Allvater sass auf Ida's Feld:

"Es kommt fürwahr ein gewaltiger Held,

Noch heut' von der Erde herüber,

Es heult mein Wolf und frässt nicht mehr

Und Gjallar's Brücke donnert sehr

Als ritt' ich selber darüber."

König Helge trat in Odin's Palast

In schwarzem Stahl, ein finsterer Gast,

Durch die Helden schritt er stumm.

Er schritt hindurch ohne Gruss und Dank

Und setzte sich auf die letzte Bank

Und sah sich gar nicht um.

Auf sprangen die Helden zu Spiel und Kampf,

Ha! Schildeskrachen und Hufgestampf,

Wie wogt es stählern und dicht!

König Helge sass, ihm scholl kein Horn,

Ihm sauste kein Speer, ihm klirrte kein Sporn;

König Helge, der focht nicht.

"Wohl ist er her, Allvaters Saal,

Der Boden von Gold, das Dach von Stahl;

Und silbern fliesst die Luft.

Doch wäre der Himmel noch einmal so licht,

Den ganzen Himmel möcht' ich nicht

Für Sigrun's enge Gruft!"

Her trat mit Augen veilchenblau

Die schwanenbusigste Schildjungfrau,

Wie leuchtete ihr Gesicht!

Sie hielt das Horn, sie trank ihm zu:

"Mein schlanker Held, nun trinke Du!"

König Helge, der trank nicht.

"Und liebten mich hundert Jungfraun heiss,

Wie die Hirschkuh schlank, wie das Schneehuhn weiss,

Ich hübe mein Auge kaum.

Du nimm dein Horn und lass mich nur,

Bist nicht halb so schön als Sigrunur,

Bei Sigrun ist mein Traum!"

So sitzt er da und trotzt und schweigt,

Bis die Mitternacht niederblickt schwarz geäugt,

Dann ist frei der Geister Tun.

Dann flammt sein Aug' und rauscht sein Schwert,

Dann gürtet er sein goldrot' Pferd

Dann geht es zu Sigrun!

Wie wild der Reiter, wie wild der Ritt!

Wie klangvoll hämmert des Hengstes Tritt!

Es geht ja zu Sigrun!

Die Luft zerrinnt, die Erde birst

Wenn nieder reitet der Nordlandfürst

Um bei Sigrun zu ruhn!

Wenn der Morgenwind kühlt des Rosses Schweiss

Dann reitet er heim, er reitet's nicht heiss,

Sein Ritt, wie traurig und sacht!

Er reitet ein durch Wallhall's Tor

Und setzt sich nieder wie zuvor

Und harrt auf Mitternacht.