Voll Mass

F. Draeseke

Nicht weit von hier im Walde lag

Vor Alters eine Schenke.

Dort rann vom Zapfen Tag für Tag

Das edelste Getränke.

Doch war der Wirt ein Bösewicht,

Er schenkte keinem Gaste nicht

Voll Mass!

Da kam einmal im Pilgerkleid

Vor langen, langen Jahren

Ein Mann von Durst und Frömmigkeit

Vom heil'gen Land gefahren.

"Herr Wirt, ein Krüglein Weizenbier!

Zu deinem Heile rat ich dir:

Voll Mass!"

Der arge Wirt, man glaubt es kaum,

Dem frommen Gottesmanne

Drei Finger Bier und sieben Schaum

Kredenzt er in die Kanne,

Und trug sie lächelnd vor ihn hin

Und sprach mit hinterlistem Sinn:

"Voll Mass!"

Der Gast mit finsterem Gesicht

Tat in die Kanne sehen,

Trank aus, stand auf, bezahlte nicht

Und murmelte im Gehen:

"Für dein gespritztes Weizenbier

Sei Strafe einst gemessen Dir:

Voll Mass!"

Der Wirt, als ihn der Tod gemäht,

Fand einen strengen Richter.

Um Mitternacht er spuken geht

Und bläst auf einem Trichter;

Der Wandrer kriegt die Gänsehaut,

Vernimmt er seinen Klagelaut:

"Voll Mass!"

Mir selber ward die Schauermär

An Ort und Stell' berichtet,

Und jedem Wirt zu Nutz und Lehr'

Hab' ich dies Lied gedichtet!

Herr Wirt, schaut nicht so sauer drein!

Da nehmt den Krug und schenkt mir ein:

Voll Mass!