Liebchen
F. Dressler
Liebchen, Brüderchen, du sagtest:
Daß man ohne Weib ja leben,
Daß man ungefreyet sterben,
Daß man könn' alleine tanzen.
Brüderchen, du lebtest also,
Und du fandest dich gar einsam,
Und du unternahmst aus Holze
Dir ein Weibchen selbst zu bilden,
Gar ein reines, gar ein weißes,
Gar ein grades, gar ein schlankes.
Gar ein dauerhaftes Weibchen.
Liebchen, Brüderchen, drey Dinge
Sind zu einem Weibe nöthig,
In ihr eine zarte Seele,
Gold'ne Zung' in ihrem Munde,
Angenehmen Witz im Haupte.
Und du unternahmst dem Bilde
Sein Gesichtchen zu vergülden,
Seine Schultern zu versilbern;
Nahmst es nun in deine Arme
Eine, zwey und drey der Nächte;
Fandest kalt des Goldes Seiten,
Fandest hart ihrs untern Armen,
Grauerlich die Spur des Silbers.
Liebchen, Brüderchen, drey Dinge
Sind zu einem Weibe nöthig,
Warme Lippen, schlanke Arme
Und ein liebevoller Busen.
Wähl' ein Weib dir aus den Madchen,
Wahl' ein Weib aus unserm Lande,
Oder richte deine Füße
Hin zum Rudern, hin zum Laufen.
Nicht' dein Schiffchen hin nach Deutschland
Deine Segel hin nach Rußland,
Hohl' ein Weib dir aus der Ferne.