Lebensansicht
F. Flemming
Unter dicht gewölbten Lauben
Sammelt' uns das Ungefähr:
Doch uns winkt das Gold der Trauben,
Keiner fragt, wo bist du her?
Zu was hälf' es, sich zu nennen?
Zu was dient' es, sich zu kennen?
Menschen sind wir froh und warm,
Sonder Arglist, sonder Harm --
Freundschaft entsteiget
Lieblich dem Becher!
[Sind wir doch alle
Lustige] Zecher.
Wild und feindlich ist das Leben,
Und es weilt die Liebe fern,
Keiner will dem Andern geben,
Aber jeder nähme gern.
Doch wenn volle Gläser winken,
Wenn wir ihren Necktar trinken,
Sind wir jedem Wesen gut,
Theilen freundlich Gut und Blut.
Sagt mir, wer brauchet
Freundliche Gabe,
Und mit ihn theil' ich
Gern, was ich habe.
Der Betrug, die Arglist schleichet
Um uns her mit frommen Blick,
Das Vertrauen -- es entweichet,
Ach, und kehret nie zurück.
Doch in Bacchus' heil'gen Gaben
Wird des Argwohns Schmerz begraben,
Und den Blick von Lust bethaut
Liebt der Zecher und vertraut.
Wahrlich ich weiß es
Wie du es meinest,
Wahrlich, du bist so,
Wie du mir scheinest.
Und mit dem Vertrau'n versieget
Auch die Wahrheit in der Brust.
Der Betrogene betrieget,
Wird sich eig'ner Schuld bewußt.
Doch an Bacchus' heil'gen Gluthen
Wärmt sich neu das Herz zum Guten,
Keimt der Wahrheit Blüthe neu,
Jeder fühlt sich rein und treu.
Sieh mir in's Antlitz,
Wie ich es meine,
Wahrlich, ich bin so,
Wie ich dir scheine.
Und so schwenket froh die Becher,
Jubelnd töne der Gesang;
Denn gerettet ist der Zecher
Aus des Lebens wildem Drang.
Gold'ne Zeiten kehren wieder,
Alle, alle sind wir Brüder,
Und Vertrauen, Glück und Lust
Wohnt in Jedes treuer Brust.
Reich' mir die Hand her,
Daß ich sie drücke!
Komm', daß mein Arm dich
Liebend umstricke.