Lied des einjährigen Mädchens

F. Götzloff

Eilfmal schon hat mir der Frühling geglänzt;

Es haben mich eilfmal die Rosen bekränzt;

Es schaukelt' und wiegte auf sammtenem Schooß

Die Liebe mich groß.

Mir schwanden die Stunden im lustigen Tanz.

Es umschlang mich die Freude mit blumigtem Kranz.

Es schwellten nicht Sorgen, es schwellte nur Lust

Die knospende Brust.

Von Hüll' un Füll' und Gesundheit umlacht,

Von liebenden Menschen beschirmt und bewacht,

Entfloh mir der Monden gaukelnde Schaar

Leicht, lustig und klar.

Eilfmal nun hat mir der Frühling geglänzt.

Es haben mich eilfmal die Rosen bekränzt.

Schon zerfließet des Morgens dämmerndes Grau

In blinkenden Thau.

Die Jahre der gaukelnden Kindheit sind hin.

Es ziemet dem Mägdlein gehaltnerer Sinn.

Es ziemet ihm vorwärts zu schaun un zurück

Mit ernsterem Blick.

Es schimmert nicht ewig so rosig die Welt.

Es widert uns morgen, was heut uns gefällt.

Jetzt schüttert die Freude, jetzt schwellet der Schmerz

Das wogende Herz.

Es welket der Jugend fröhliches Grün.

Es verblaßt der Wange heller Karmin.

Des Auges Karfunkel wird matt und blind.

Das Leben verrinnt.

Rechtsinnigkeit, Frömmigkeit, kindlicher Sinn

Geleitet durchs wechselnde Leben mich hin.

O Hoffnung, o Liebe, ihr heiligen Zwei,

Bleibt hold mir und treu.

O Hoffnung, o Liebe, o lauterer Sinn,

Geleitet durchs rinnende Leben mich hin.

Das Leben verrinnet der Staub zerstäubt.

Das Göttliche bleibt.

Ein Göttliches hebet des Menschen Brust,

Verhöhnet den Schmerz und verschmähet die Lust,

Bekämpfet das Eitle, besieget den Tod.

In uns ist der Gott.