Die Thräne

F. Gumbert

Macht man ins Leben kaum den ersten Schritt,

Bringt man als Kind schon eine Thräne mit,

Und Freudenthränen gibt als süßen Gruß

Dem Kind' die Mutter mit dem ersten Kuß!

Man wächst empor dann zwischen Freud' und Schmerz,

Da taucht die Liebe in das junge Herz, --

Und offenbar't das Herz der Jungfrau sich,

Spricht eine Thräne: Ja, ich liebe Dich!

Wie schön ist doch die Thräne einer Braut,

Wenn der Erwählte ihr ins Auge schaut!

Man schlingt das Band -- sie warden Weib und Mann,

Dann fängt der Kampf mit Noth und Sorgen an; --

Doch wenn der Mann die Hoffnung schon verlor,

Blickt noch das Weib vertrauungsvoll empor

Zur Sternenwelt, zum heitern Sonnenlicht,

Und eine Thräne spricht: Verzage nicht!

Der Mann wird Greis -- die Scheidestunde schlägt,

Da stehn um ihn die Seinen tief bewegt,

Und Aller Augen sieht man thränenvoll,

Denn Thränen sind der letzte Liebeszoll.

Und still verklärt blickt noch umher der Greis

In seiner Kinder, seiner Enkel Kreis, --

Im letzten Kampfe, ja schon im Vergehn,

Spricht eine Thräne noch: Auf Wiedersehn!