Kaiser Karl in der Johannisnacht

F. Hegar

Johannisnacht ruht auf der schweigenden Welt,

Die Sterne flimmern am Himmelszelt,

Im funkelnden Glanze durch Busch und Au

Huscht Elfenspuk in Tann' und Tau.

Des Mondes magischer Silberglanz

Flicht einen leuchtenden Blütenkranz

Wohl über Täler und Bergeshöh',

Wohl über Stadt und Fluß und See.

Hoch ragt des Münsters Türmepaar,

Umspielt von Schatten und Lichtern klar;

Vom stolzen gotischen Baldachin

Schaut Kaiser Karl auf die Lande hin.

Johannisnacht hüllt die Schläfer ein

Und öffnet der Sage goldglänzenden Schrein;

Fernher über See und rauschenden Fluß

Zieh'n wispernde Stimmen, klingt Wort und Gruß.

Durch stille Straßen dröhnt klirrender Schritt,

Von den Häusern hallt reisiger Rosse Tritt,

Gestalten umschweben des Kaisers Bild -

Wie schimmert die Krone, das Schwert und der Schild!

Nun hebt er sich selber vom uralten Thron,

Des einigen Deutschlands gewaltiger Sohn,

Und steiget herab vom erhelleten Dom

In die Stadt und zum brausenden Limmatstrom.

Da klingen die Glocken durch's schlummernde Land,

Bewegt von unsichtbarer Geister Hand,

Und über der Fluten melodischem Chor

Der Kaiser hebt segnend die Hände empor:

"Zieht hinaus, ihr Wogen, zum Rheinesstrand,

Zieht hinaus, ins schöne, ins deutsche Land,

Stimmt an mit der Wellen aufjubelndem Klang

Von Treu und Ehre den ewigen Sang."

Da schweiget voll Ehrfurcht der eherne Laut,

Zum Thron empor steigt der Kaiser traut;

Es schwinden die Stimmen, die Töne sacht, -

Und golden ruht die Johannisnacht.