Der Sänger

F. Hensel

Der Sänger geht auf rauhen Pfaden,

Zerreißt in Dornen fein Gewand;

Er muß durch Fluß und Sümpfe baden,

Und keins reicht hülfreich ihm die Hand.

Einsam und pfadlos fließt in Klagen

Jetzt über sein ermattet Herz;

Er kann die Laute kaum noch tragen,

Ihn übermannt ein tiefer Schmerz.

Ein traurig Loos ward mir beschieden,

Ich irre ganz verlassen hier,

Ich brachte Allen Luft und Frieden,

Doch Keiner theilte sie mit mir.

Es wird ein jeder seiner Habe

Und seines Lebens froh durch mich;

Doch weisen sie mit karger Gabe,

Des Herzens Forderung von sich.

Man läßt mich ruhig Abschied nehmen,

Wie man den Frühling wandern sieht,

Es wird sich keiner um ihn grämen,

Wenn er betrübt von dannen zieht.

Verlangend sehn sie nach den Früchten,

Und wissen nicht, daß er sie sät;

Ich kann den Himmel für sie dichten,

Doch meiner denkt nicht ein Gebet.

Ich fühle dankbar Zaubermächte

An diese Lippen festgebannt.

O! knüpfte nur an meine Rechte

Sich auch der Liebe Zauberband.

Es kümmert keine sich des Armen,

Der dürftig aus der Ferne kam;

Welch Herz wird sein sich noch erbarmen

Und lösen seinen tiefen Gram?

Er sinkt im hohen Grase nieder,

Und schläft mit nassen Wangen ein:

Da schwebt der hohe Geist der Lieder

In die beklemmte Brust hinein:

Vergiß anjetzt was du gelitten,

In Kurzen schwindet deine Last,

Was Du umsonst gesucht in Hütten,

Das wirst du finden im Pallast.

Du nahst dem höchsten Erdenlohne,

Bald endigt der verschlungne Lauf:

Der Myrtekranz wird eine Krone,

Dir setzt die treuste Hand sie auf.

Ein Herz voll Einklang ist berufen

Zur Glorie um einen Thron;

Der Dichter steigt auf rauhen Stufen

Hinan, und wird des Königs Sohn.

... (prose)...

Der Sänger fährt aus schönen Träumen

Mit froher Ungeduld empor;

Er wandelt unter hohen Bäumen

Zu des Palastes ehrnem Thor.

Die Mauern sind wie Stahl geschliffen,

Doch sie erklimmt sein Lied geschwind;

Es steigt, von Lieb und Weh ergriffen,

Zu ihm hinab des Königs Kind.

Die liebe drückt sie fest zusammen,

Der Klang der Panzer treibt sie fort;

Sie lodern auf in süßen Flammen

Im nächtlich stillen Zufluchtsort.

Sie halten furchtsam sich verborgen,

Weil sie der Zorn des Königs schreckt,

Und werden nun von jedem Morgen

Zu Schmerz und Lust zugleich erweckt.

Der Sänger spricht mit sanften Klängen

Der neuen Mutter Hoffnung ein.

Da tritt, gelockt von den Gesängen,

Der König in die Kluft hinein;

Die Tochter reicht in goldnen Locken

Den Enkel von der Brust ihm hin;

Sie sinken reuig und erschrocken,

Und mild zergeht sein strenger Sinn.

Der Liebe weicht und dem Gesange

Auch auf dem Thron ein Vaterherz

Und wandelt bald in süßem Drange

Zu ew'ger Lust den tiefen Schmerz;

Die liebe gibt was sie entrissen,

Mit reichem Wucher bald zurück,

Und unter den Versöhnungsküssen

Entfaltet sich ein himmlisch Glück.

Geist des Gesangs, komm du hernieder

Und steh auch jetzt der Liebe bei;

Bring die verlorne Tochter wieder,

Daß ihr der König Vater sei,

Daß er mit Freuden sie umschließet,

Und seines Enkels sich erbarmt,

Und, wenn das Herz ihm überfließet,

Den Sänger auch als Sohn umarmt!