Marias Klage
F. Hensel
Fließt, o Tränen, netzt den Schleier,
fließt aufs Brautgeschenk hinab,
das beim Abschied jüngst mein Treuer
mir mit Kuss und Tränen gab!
Wiederkehr und Hochzeitfeier,
Jüngling, schwand mit dir ins Grab!
Nein, versenkt im wüsten Meere
wogt dein Leib um Klipp' und Bank,
unbestattet, ohne Zähre,
ohne Lied und Glockenklang;
traurig dir zur letzten Ehre
scholl des Meers und Sturms Gesang.
Jetzt am fernen Strande klaget
dich dein armes Mädchen hier;
wann es nachtet, wann es taget,
nimmer ruht der Jammer mir.
Kein Gedank' und Wunsch behaget,
als vereint zu sein mit dir.
Doch dein Fleh'n, nicht mehr zu weinen,
tönte freundlich mir ins Ohr;
ewig wieder uns vereinen
werde bald ein Engelchor.
Denn aus Sturm zu Friedenshainen
stieg dein Geist verklärt empor!
Ausgeduldet! Kurze Dauer
hat mein Leben und mein Schmerz!
Aus des Elends dunkler Trauer
lass mich aufschau'n himmelwärts!
O, mich labet süßer Schauer;
dort im Himmel wohnt mein Herz!
Manche Nachterscheinung deutet,
selber bald werde' ich verblüh'n;
dumpfer Hall von Glocken läutet,
Bahr' und Leichenfolger zieh'n.
Komm, o Tod, der hin mich leitet,
ihn zu schau'n, auf ewig ihn!