Des Mädchens Tränen

F. Hiller

Weinen kann ich, wenn aus Thränen

Schimmert süßer Augen Licht,

Wenn sie feucht vor Liebe Sehnen;

Doch sie trocknen kann ich nicht.

Schön ist wohl der Himmel, wenn er

Blau sich über'm Haupt uns schmückt;

Doch das Azur ist viel schöner,

Wenn es durch die Wellen blickt.

Weinen kann ich, wenn das schwere

Herz vor Kummer endlich bricht,

Luft sich macht in einer Zähre;

Doch sie trocknen kann ich nicht.

Blaues Veilchen hat vor allen

Stolzen Blumen auf der Au

Stets am besten mir gefallen,

Wenn darauf ein Tröpfchen Thau.

Weinen kann ich, wenn im Auge

Eine schöne Perle liegt,

In der scharfen Thränen-Lauge;

Doch sie trocknen kann ich nicht.

Gerne tauch' ich in des dunkeln,

Blauen, tiefen Meeres Schooß;

Doch wenn Perlen drunten funkeln,

Ist die Lust d'rin noch so groß.

Gern mag ich zur Sonne sehen,

Doch ich liebe sie weit mehr,

Wenn die Wolken davor stehen,

Sticht sie dann doch nicht so sehr.

Weinen kann ich, wenn Du weinest,

Daß Dir der Geliebte fern,

Und Du zu verzweifeln scheinest -

Doch - die Thränen trockn' ich gern.

Komm', komm', wir wollen nach Hause,

Hier außen ist's zu kalt,

Ich fürchte, wir bekommen

Einen tüchtigen Regen bald.

Hörst Du nicht, wie der Sturmwind

Im Gipfel der Linde wühlt?

Siehst nicht, wie manches Blättchen

In dem See sich schon gepfühlt?

"Das sind keine Lindenblätter,

Der Sturmwind thut es nicht,

Sind Herzen, die gebrochen

Dein falsches Angesicht.

Das ist kein See von Wasser,

Von Salz ist dieser See,

Den doppelt so viel Augen

Geweint vor Liebesweh.

Noch steht ein einzig Blättchen

Hoch auf dem Lindenbaum;

Mein Kind, im tiefen See

Ist noch für viele Raum."