Abend-Phantasie

F. Kunzen

Schönster aller schönen Tage,

Dem ich ewig dankbar bin,

Heil dir! mein Entzücken trage

Dich zum Abendlande hin!

Denn in meinem trunknem Blicke

Schwimmt der Liebe Seligkeit,

Und ich ahnde meinem Glücke

Goldne Frucht der bessern Zeit.

Dorten war es, wo im Kühlen

Mein Göttergleiche saß,

Und versunken in Gefühle

Um sich her die Welt vergaß.

Schüchtern naht' ich mich, und küßte

Meine Seel' auf ihre Hand;

Da, als ob sie Frevel büßte,

Blickte sie auf's Busenband,

Und der Liebe Thränen bebten

Die entglühte Wang' herab.

Engel, die den Hain umschwebten,

Küßte ihr die Thränen ab;

Und ihr Lispel, der dem Winde

Schöner Sommernächte glich,

Sprach mir in das Herz: Selinde,

Ist besiegt, und liebet dich!