Das reizendste Mädchen

F. Lachner

Das reizendste Mädchen

In unserem Dorf

Heut' einsam und Wittwe

Und gestern noch Braut,

Sie sieht den Geliebten

Fortziehn in den Krieg,

Und redet zur Mutter,

Und klaget ihr Leid:

O lasset mich meinen

Ihr Ufer des Meers!

O Mutter, was gabt ihr

So frühe mir schon

So kurzes Gefallen,

So langen Verlust?

Gabt

ihm

mich gefangen,

Der heut mich verlaßt,

Und mit sich die Schlüssel

Meiner Freiheit entführt?

O lasset mich weinen

Ihr Ufer des Meers!

In Weinen verwandelt

Den Augen sich nun

Das süße Geschäfte,

Liebreizend zu schaun.

O redet, was sollen

Sie bessres auch thun,

Denn er, der mein Fried' ist,

Er zog in den Krieg.

O lasset mich weinen

Ihr Ufer des Meers!

Ach Mutter, lieb Mutter

Wer weinte denn nicht,

Und hätt' er von Felsen

Ein Herz in der Brust,

Wer klagte nicht, sah' er

So rasch und umsonst

Die frischgrünen Jahre

Meiner Jugend verblühn.

O lasset mich weinen

Ihr Ufer des Meers!

Weh, weh euch ihr Nächte,

Denn ferne sind nun

Die Augen, die meine

Zu wachen gelehrt;

Weh, weh euch, wie findet

Ihr einsam mich jetzt,

Denn die Hälfte, die Hälfte

Meines Lagers ist leer.

O lasset mich weinen

Ihr Ufer des Meers!