Mailied

F. Lachner

Du bist doch treu,

Geliebter Mai!

Versprichst uns nie die Wiederkehr,

Und kommst doch immer wieder her.

Es ist ja nicht

Gesetz und Pflicht;

Und fiel's dir einmal ein, zu ruh'n,

Wir könnten nichts dawider thun!

Kaum aber fleh'n

Wir, dich zu seh'n,

So wirbelt schon ein Lerchlein wo:

"Der Frühling kommt! Seid frisch und froh!"

Kaum wünschten wir

Den Schnee von hier,

So fliegt er weg, wie leichter Flaum,

Und macht den jungen Halmen Raum.

Schon trägt das Land

Sein Festgewand,

Schon schrieb der Lenz in Wald und Trift

Sich lesbar ein mit Blumenschrift.

Zu schnell beinah'

Ist er uns da;

Es ist für's Herz ein großer Sprung,

Noch erst so alt und jetzt so jung.

Erst kalt und arm,

Nun reich und warm;

Erst seine Welt ein enges Haus,

Und jetzt in's Haus der Welt hinaus.

Drum bleib' uns treu,

Geliebter Mai!

Denn doppelt freut und mehr entzückt,

Was unversprochen uns beglückt!