Geträumt
Lehár, Franz
An einem Frühlingstag voll Sonnenschein
war ich das erstemal mit ihm allein,
im vogelsangdurchrauschten Märchenwal,
wie fanden uns're Herzen sich da bald.
Erst guckten wir uns an, voll Lieb'im Blick,
dann bog das Köpfchen sanft er mir zurück,
so kam's gar rasch zu einem süßen Kuß
und erst nachher frug er: Gestattest du's?
Den Kuß gab ich zurück ihm ungesäumt,
doch leider hab'ich alles nur geträumt.
Seither hab'oft nach Küssen mich gesehnt,
wie leicht man sich an so etwas gewöhnt.
Da kam ein Brieflein voller Schwärmerei,
er schrieb, sein einzig, herzig Lieb ich sei;
auch bat er so nett um ein Stelldichein
und ich, ich schlimmes Mädchen, willigt'ein.
Es war ein reizend Stübchen gut versteckt,
gar herrlich das Souper mit Austern, Sekt
und was geschah, als der Champagner schäumt'?
Das hab'ich leider alles nur geträumt.
Als kaum ein Jährchen zog in's Land herein,
da stelle Meister Klapperstorch sich ein
und hielt mit seiner zuckersüssen Last
in meinem Haus die erste lange Rast;
und legte trotz energischem Protest
zwei kleine Bubi's mir in's warme Nest.
Was soll damit ich arme kleine Maus,
ich kenn'mich ja mit Kindern gar nicht aus?
Du böser Storch, das war nicht gut gemeint.
Doch hab'zum Glück ich alles nur geträumt!