Die Nonne : Ballade von Lulu von Strauss und Torney

F. Lessauer

Grau sind meine Haare,

Meine Augen werden trüb und blind,

An die sechzigmal im Gang der Jahre

Wieg' ich schon das liebe Jesuskind.

Vor der heil'gen Krippen

Brennen alle Lichter am Altar,

Wieder singen meine müden Lippen,

Singen heute wie in jedem Jahr:

Puer natus in Bethlehem, eia!

Unde gaudet Jerusalem, eia!

Schlaf, mein liebes Kindelein!

Welk und lose liegen

Meine Finger an dem Wiegenband,

Wenn die jungen Laienschwestern wiegen,

Fliegt die Wiege unter ihrer Hand.

Ihre Lider brennen

Heute seltsam heiß und überwacht, --

Sollt' ich nicht aus fernen Tagen kennen,

Was so junge Augen träumen macht?

Puer natus in Bethlehem, eia!

Unde gaudet Jerusalem, eia!

Schlaf, mein liebes Kindelein!

Singen, immer singen!

Unser Atem geht im Frost wie Rauch,

Mit der ew'gen Ampel leisem Schwingen

Schwangt der Wölbung schwarzer Schatten auch.

Wiegen, immer wiegen

Einer leeren Wiege Gaukelschein, --

Seh' ich nicht ein süßes Leben liegen,

Ohne Glanz und Glorie, -- aber mein?

Ihr in Stall und Krippen,

Benedeite Mutter, heilig Kind,

Frevel ist die Andacht meiner Lippen,

Die nach Erdenglücke durstig sind!

Sieben Schwerter schneiden

In das Mutterherz dir tief und scharf,

Siebenmal will deine Qual ich leiden,

Wenn ich deine Freuden trinken darf!

Puer natus in Bethlehem, eia!

Unde gaudet Jerusalem, eia!

Schlaf, mein liebes Kindelein!

Doch der Herr der Zeiten

Ließ die Jahre gehn durch meine Hand,

Wie beim Ave mir die Perlen gleiten

An des heil'gen Rosenkranzes Band.

In der leeren Wiegen

Sucht mein Wahn kein irdisch Leben mehr.

Welt, du eitle, deine Lieder schwiegen,

Meine Augen sinken schlummerschwer.

Durch der Lichter Glimmen

Schleicht ein blasses Rot ins Fenster sacht, --

Singt nur, Schwestern, mit den jungen Stimmen,

Singt, -- ein Ende kommt auch unsrer Nacht!

Puer natus in Bethlehem, eia!

Unde gaudet Jerusalem, eia!

Schlaf, mein liebes Kindelein!