Mannesträne

F. Massak

Mädchen, sahst du jüngst mich weinen?

Sieh, des Weibes Träne dünkt

mir der klare Tau des Himmels,

der in Blumenkelchen blinkt.

Ob die trübe Nacht ihn weinet,

ob der Morgen lächelnd bringt,

stets doch labt der Tau die Blume,

und ihr Haupt hebt sie verjüngt.

Doch es gleicht des Mannes Träne

edlem Harz aus Ostens Flur:

Tief ins Herz des Baums verschlossen

quillt's freiwillig selten nur.

Schneiden musst du in die Rinde

bis zum Kern des Marks hinein,

und das edle Nass entträufelt

dann so golden, hell und rein.

Bald zwar mag der Born versiegen,

und der Baum grünt fort und treibt,

und er grüßt noch manchen Frühling,

doch der Schnitt, die Wunde bleibt.

Mädchen, denk' des wunden Baumes

auf des Ostens fernen Höh'n;

Mädchen, denke jenes Mannes,

den du weinen einst geseh'n.