Die Liebe und der Mondstrahl
F. Mohaupt
Der Mond hängt in die düstre Nacht
Recht silberklar herein,
Und spendet seiner Stralen Pracht
Dem Strome und dem Hain.
Da richtet sich aus süßem Traum
Die Lilje still empor,
Und öffnet ihres Kelches Raum,
Und läßt den Duft hervor.
Und flugs in die verschloßne Brust
Schwingt sich der leichte Stral,
Und schmiegt sich an in sel'ger Lust,
Und küßt sie tausend Mal.
Sie aber schließt erfreut sich schnell,
Und hält den Buhlen fest,
Der, in der hellen zwiefach hell,
Von ihr sich wiegen läßt.
Und morgens, wenn die Schäferin
Die thau'ge Lilje pflückt,
Und sie mit frommem Kindersinn
An ihren Busen drückt,
Da wird, wenn sich der Kelch erschließt,
Ihr wunderbar zu Muth,
Und unbekannte Sehnsucht fließt
Durch ihr erglühtes Blut.
Und seufzend wallt sie durch das Thal
In jeder lauen Nacht --
Sagt, hat das wol der Mondenstral
Im Liljenkelch gemacht?