Trinklied

F. Muck

Wenn, Brüder! wie wir täglich sehen,

Der Weis' in Armuth niedersinkt,

Indessen bey Fortunas Drehen

Der Narr auf ihrer Kugel blinkt;

Wenn Schwelger gleiches Muths erpressen

Der Menschen und der Trauben Blut --

Dann, Freunde, trinkt, um zu vergessen

Der goldnen Thoren Übermuth!

Wenn hagrer Bauern heis're Klagen

Verhallen an der Marmorwand,

Und der Baron, den Tross zu jagen,

Die Peitsche schwingt mit eigner Hand;

Wenn gegen Menschenrecht vermessen

Sein Land er düngt mit ihrem Schweiss --

Dann, Freunde, trinkt, um zu vergessen

Was keiner noch zu bessern weiss!

Wenn dort ein Weib mit reinem Herzen,

Verkannt vom ungerechten Mann,

Durch sanfte Thränen stiller Schmerzen

Nie sühnt den scheelen Haustyrann;

Wenn Harm und Schmach ihr Leben fressen,

Und nichts sie tröstet als der Tod --

Dann, Freunde, trinkt, um zu vergessen

Dass Jammer selbst der Tugend droht!

Wenn dort im Frühling ihrer Tage

Ein holdes unerfahrnes Kind

Ihr Herz verschenkt, und Gram und Klage

Ihr Lohn für reine Liebe sind;

Wenn Er, der ihr im Schooss gesessen,

Sie mordet mit der Schande Gift --

Dann, Freunde, trinkt, um zu vergessen

Dass Mehlthau selbst die Rosen trifft.

O! wäre nicht der Saft der Trauben,

Wer weilte gern hienieden doch?

Das Laster sehn wir Throne rauben,

Und das Verdeinst im Sklavenjoch.

Wer kann der Erde Weh ermessen?

Es winselt hier und überall --

Auf, Freunde, trinkt, um zu vergessen

Das ganze düstre Jammerthal!