Das Veilchen

F. Ries

Ein Veilchen blühte still verborgen,

Da fliegt ein Schmetterling vorbei

Und setzt sich fern, sitzt bang voll Sorgen,

Das Veilchen grüßt: "Recht guten Morgen!"

Und frägt, warum er traurig sei.

"Ich komm' herauf von jener Heide,

Da sind sie alle schön geschmückt

Mit Gold auf ihrem Flügelkleide --

Den stolzen Blumen ihre Freunde -,

Nur mich hat keine angeblickt.

"Ich hab' kein Gold auf meinem Flügel,

Es hat's der Mond, der Sterne Licht,

Es hat's der Baum auf jedem Hügel,

Es hat's der Bach auf seinem Spiegel; -

Nur ich bin arm, ich hab' es nicht!"

Doch bei der ersten Sterne Schimmer

Lag er beim Veilchen duftberauscht,

Und diese Eine Nacht hätt' nimmer

Um all' des Goldes Glanz und Flimmer

Der arme Falter eingetauscht.