Spurlos
F. Sieber
Schneeflocken schweben, sinken,
Rieseln hernieder leis;
Befiederte Sternchen blinken
Auf Wies' und spiegelndem Eis;
Kaum gaukelt eins hernieder,
So decken die andern es dicht,
Kein Aug' erblickt es wieder --
Schneeflocken zählen sich nicht.
Der Frühling kommt; die Quellchen
Erwachen aus dumpfem Traum;
Thalabwärts hüpfen die Wellchen
Mit dem Helm von Silberschaum;
Sie rinnen, rollen, rauschen,
Umfassen und küssen sich lieb --
Kein Auge mag's belauschen,
Wo Well' und Wellchen blieb.
Aus dichten Moose ringen
Tief in schweigsamem Wald
An's Licht aus Brombeerschlingen
Sich Blumen mannigfalt.
Sich still entfalten und färben
Ist ihre Seligkeit,
Und wenn sie welken und sterben,
Trägt keiner um sie Leid.
Und auch in Dichter-Herzen
Stehn Blum' an Blume gedrängt,
Genährt vom Thau der Schmerzen,
Vom Thau der Lust getränkt;
Sie duften, sie welken wieder,
Von keinem Auge gesehn:
Wollen denn Blumen und Lieder
Mehr als blühn und vergehn?