An die Berge der Heimat

F. Silcher

Ihr schaut so treu herüber,

Ihr Heimathberge dort,

Ihr fordert mich hinüber

Hier aus der Fremde fort.

Wenn eure Höh'n verschwimmen

In Morgenherrlichkeit,

Hör' ich bekannte Stimmen

Aus meiner Kinderzeit.

Ich seh' euch freundlich winken,

Wohin ich immer geh',

Und trostlos will versinken

Das Herz in Sehnsuchtsweh.

Dem Städter bleibt verborgen,

Was mich so mächtig zieht;

Er jagt mit bangen Sorgen

Nach dem, was schnell entflieht;

Er hört nur Blätter fallen,

Wo Geisterlispel weh'n,

Er sieht nur Nebel wallen,

Wo Heldenschatten geh'n.

Was ihr mir offenbaret,

Begreift er ewig nicht,

Was ihr in euch verwahret,

Deucht ihm ein Wahngesicht.

Des Lebens wahre Kunde

Ist in den Bergen nur,

Da steh'n im festen Bunde

Der Mensch und die Natur;

Da schwebt in frommen Träumen

Das Herz zum Abendstern;

Da, bei des Waldbachs Schäumen,

Weilt die Begeistrung gern.

Auf des Gebirges Spitze

Da ist des Wetters Bahn,

Da zündet seine Blitze

Der Geist der Wolken an.

Und wo die Stürme kreisen,

Tief in der Erde Bau,

Da hütet Gold und Eisen

Der Gnome klein und grau.

Nur in den Bergen springet

Der Quell so frisch und klar,

Nur in den Bergen klinget

Das Lied so wunderbar.

Da ist ein freies Streben,

Da ist ein Heimathland,

Da ist noch reines Leben,

Wie's quillt aus Gottes Hand.

Da seh'n die Sterne heiter

Zur Erde noch herab,

In Blumen, Gras und Kräuter

Hüllt sich da jedes Grab.

Da ist noch viel geblieben

Aus guter, alter Zeit,

Das fromme, treue Lieben,

Und Kraft und Biederkeit.

Um mich ist viel vergangen,

Zerrissen manches Band,

Doch wächst noch das Verlangen

Nach meiner Väter Land,

Wo mir die Kindheit blühte

Im schönen Hirtenthal,

Wo mit den Bergen glühte

Mein Herz im Abendstrahl;

Wo, was an's Leben bindet,

Auch in den Tod uns treibt,

Wo, wenn die Erde schwindet,

Uns noch der Himmel bleibt.