An die Nacht
F. Silcher
Über allen Welken, Lebens-Müden
Schweb', o Nacht! mit deinem stillen Frieden!
Giesse in das grosse Trauerhaus
Deine goldne Schlummerschaale aus!
Wer des Lebens grosses Loos gewonnen --
Mag sich der im Strahl des Tages sonnen!
Ach! der Leidende ist schon beglückt,
Wenn er seinen Schmerz nicht mehr entblickt!
Wenn des Tages wilder Lärm verklungen,
Nahst du, Nacht, mit holden Dämmerungen,
Und der Abendröthe sanften Schein
Schliessest du mit weichen Armen ein.
Liebevoller Träume bunte Heere
Wiegen sich auf deinem dunkeln Meere;
Die Verschön'rer der ersehnten Ruh'
Flieh'n sie der gequälten Menschheit zu.
Zweimal trittst du, Siegerin der Schmerzen!
Zweimal nur zum kummerlosen Herzen,
Das sich, selig lächelnd, dir vertraut,
Und in dir sich Paradiese baut.
Wenn das Kind, der Mutter angeschmieget,
Träumend noch mit Engeln sich vergnüget:
Deckst du seine unschuldsvolle Ruh'
Mit dem blauen Sternenschleier zu.
Wenn der Greis, gewelkt vom Lebenskummer,
Matt das Auge schliesst zum letzten Schlummer:
Breitest über seinem engen Haus
Du die schwarzen Flügel schützend aus.
Aber in dem Mittagskampf des Lebens
Sucht so oft das Auge dich vergebens;
Und des Mondes und der Sterne Schein
Wieget nicht den Geist in Schlummer ein.
Komm! o komm! du holde Nacht, und trage
Träumend mich zum Ziele meiner Tage!
Lass um mich, beim Morgenaufersteh'n,
Schon die Paradieses-Palmen weh'n!