Die Temperamente die Liebe

F. von Suppé

Melancholisch hingegossen

steht ein Jüngling liebesschwach,

bringt sein Ständchen unverdrossen,

ruft das teure Mädchen wach:

„Komm, Liebchen, komm, ahnst du denn nicht die Pein?

In kalter Mitternacht steh' ich allein!

Lass mich nicht seufzend hier im Schmerz vergeh'n!

Wenn du mich ganz verlässt,

frier' ich am Boden fest;

willst du mich sterben seh'n?

Soll ich zu Grabe geh'n?

Ach, Laura, komm!“

Doch der sanguinische Liebesgesang,

der wirkt elektrisch mit feurigem Klang!

Sprühende Glut

jagt da das Blut.

„Komm, Liebchen, komm, ahnst du nicht meine Pein?

Um Mitternacht steh' ich hier ganz allein!

Lass mich nicht schmachtend in Flammen vergeh'n,

wie ein Vulkan

fang' ich zu brennen an!

Du mir so teuer,

lösche das Feuer,

sonst leid' ich ungeheuer!

Mein Schätzchen, ach komm,

o spute dich,

beglücke mich!“

Der eine weint, der and're lacht,

doch jeder kennt Gott Amors Macht.

Der belibt ganz kalt, dem wird so schwül -

es ist ein eigenes Gefühl!

Mancher wieder liebt phlegmatisch,

bringt sein Ständchen auch wohl an,

doch ist Lieb' ihm nur sympathisch,

wenn dabei er schlafen kann.

„Komm, Liebchen, komm, ich harre dein

bei stiller Nacht im Mondenschein.

Doch vielleicht hast du jetzt keine Zeit,

na, so wart' ich fort in Ewigkeit.

Ich bleib' statt mich zu erhitzen,

ruhig hier liebevoll sitzen!“

Doch der cholerische Liebesgesang

rollt wie der Donner im stürmischen Drang,

tobt ohne Rast

in eilender Hast!

„Komm, Liebchen, komm, nicht länger harr' ich dein

hier in der Nacht beim faden Mondenschein!

So komm, so komm, sonst werde ich in der Tat

hier noch desperat

oder gar rabiat!

Sapperment,

Mordelement,

Kreuzfikerment,

Höll'nregiment,

Liebchen, erschein',

lass mich nicht rasen,

sonst schlag' ich alles kurz und klein!

Der eine brüllt, der and're lacht,

doch jeder kennt Gott Amors Macht!

Der bleibt ganz kalt, dem wird so schwül -

es ist ein eigenes Gefühl!