Sonst nichts?
F. von Suppé
„Tritt näher, tritt näher!
Der Herr vergibt dem reu'gen Kinde,
das fromm um Gnade fleht!“
Gar zitternd wankt ein Mädchen
zum Pfarrer aus dem Städtchen
und sprach: „Schwer ist die Sünde,
die mir zu Herzen geht!“
„Nun denn, du Kleine, komm heran!“
D'rauf ging die Beichte an:
„Als ich noch in den Kinderjahren
so einfach, schlicht und unerfahren,
war mir am liebsten ein Gespiele,
der Michel, unser Nachbarssohn.
Wir tändelten mit tausend Dingen,
bald Pfänderspiel, bald Klettern, Ringen;
so ging es, bis der Abend stille,
und so begann der Morgen schon!
Sah ich nicht den Genossen,
senkt' ich die Äuglein matte,
gar viele Tränen flossen,
und alle Lust entfloh,
doch als er wieder nahte,
da ward mein Herz so froh!
Ach, wie war so schön die Zeit,
so süß, so traut, so voller Seligkeit!“
„Sonst nichts? Sonst nichts?
Ist das die ganze Sünde?
Ja, da wär' die Buße gelinde!
Doch sprich fort, verhehle nichts!“
„Bald d'rauf, als die Jahre der Kindheit dahin,
da schlich sich ein sonderbar Gefühl in den Sinn;
wenn wir so voll Sehnsucht Aug' in Aug' uns geblickt,
da wallte heiß das Blut, in Wonneträumen verzückt.
Wir drückten die Hände uns ans Herz liebevoll,
ja, da war mir gar so wohl!
Ach, wie war so schön die Zeit,
so süß, so traut, so voller Seligkeit!“
„Sonst nichts? Sonst nichts?
Auch das ist keine Sünde,
da bleibt wohl die Buße gelinde.
Doch sprich fort, verhehle nichts!“
„Ach, gar etwas ist noch geschehen,
o hört mein Flehen,
lasst nicht verdammt mich sein!
Als wir beim Mondenscheine
einst wandelten alleine
und in des Waldes Mitte
so lenkten uns're Schritte,
da ziog er mich mit männlich starker Hand
an seine Brust, von heißer Lieb' entbrannt,
umfasste mich - “
„Was tat er noch, sprich weiter, sprich!“
„Ach, das war die schönste Zeit,
der erste Kuss so voller Seligkeit!“
„Sonst nichts? Sonst nichts?
Ein Himmelreich liegt in dem Kusse,
d'rum küsse fort zur Buße!“