Der Traumgott
F. Weingartner
Hinter jenen Efeuranken,
Hinter jenen blanken Scheiben,
Von des Mondes Stral beschienen,
Schlummert jetzt das holde Kind.
Ihre Äuglein sind geschlossen,
Ihre Wangen sind geröthet,
Ihre wunderschönen, langen
Braunen Flechten sind gelöst.
Trautes Mondlicht, poche zärtlich
Mit dem gold'nen Stralenfinger
An die spiegelblanken Scheiben
Wecke mir das holde Kind!
Zärtlich mit dem Stralenfinger
An die spiegelblanken Scheiben
Pocht das Mondeslicht, das traute --
Doch die Liebste wacht nicht auf!
Stiller Nachtwind, zieh' und schweife
Mit den leisen Flüstertönen
Um das mondeshelle Fenster --
Wecke du die Kleine mir!
Lockend mit den Flüstertönen
Um das mondeshelle Fenster
Zieht und schweift und saus't der Nachtwind --
Doch die Holde schläft zu tief!
Nachtigall, du immer-wache,
Die du weißt, wie Liebe quälet,
Poche du mit sanftem Flügel
An das traute Fensterlein!
Nachtigall mit sanftem Flügel,
Die da weiß wie Liebe quälet,
Pocht an's Fensterlein, das traute --
Doch des Liebchens Ohr ist taub!
Nun, so schwebe du an's Fenster,
Traumgott mit den weichen Schwingen,
Schlüpfe, schlüpfe zu der Kleinen
In das stille Kämmerlein!
Und der Tranmgott schlüpft durch's Fenster,
Schlüpft an's Kissen der Geliebten,
Flüstert tausend zarte Dinge
Ihr von meiner Lieb' in's Ohr.
Siehe, sieh', sie athmet tiefer,
Ihre Wangen glühen röther,
Sie erwacht, sie reibt die Aeuglein:
O wie ist die Nacht so schwül!
Und nicht wieder kann sie schlummern,
Und sie schlüpft in's weiße Leibchen,
Und in scharlach'ne Pantöfflein,
Und an's Fenster tritt sie hin;
Blickt hinaus in's gold'ne Mondlicht,
Sieht den Liebsten, süß erschrocken,
Und begreift, warum's geschehen,
Daß der Traumgott sie geweckt.