Er weiß es besser
F. Weingartner
Die Tannen ragen schlank und morgenduftig,
Grüngolden spielt das Licht in ihren Ästen,
Ringsum Gesang von leichtbeschwingten Gästen;
Im Walde weht und rauscht der Frühling luftig.
Ein Jäger geht in Thau und Schatten drinnen,
Das Feuerrohr gesenkt auf seinem Rücken;
Heut wird er's nicht dem Wild ins Leben drücken,
Er scheint auf eine andere Jagd zu sinnen.
Prüft manchen Baum vom Grund bis zu den Kronen,
Und rüttelt auch an manchen scharf und mächtig.
Thautropfen blitzen diamantenprächtig
Auf ihn herab, den Händedruck zu lohnen.
Er aber schneidet ein mit dem scharfen Messer
Ein Kreuz als Zeichen, ihn im Herbst zu fällen,
Und denkt vom stolz aufragenden Gesellen:
„Träum' du von Lenzen noch, ich weiß es besser.”
So schreitet er, ein Tod, durch Frühlingsräume,
In manche Kinde kerbt er noch das Zeichen,
Und mit den scharfgeschnitt'nen Kreuzen gleichen
Bald einem Friedhof in dem Wald die Bäume.
Im Menschenwald, weit unsichtbarer Jäger
Geht lauernd auch umher und kerbt in Herzen
Die Zeichen ein, oft ohne daß sie schmerzen,
So sanft, so weich – doch ist er ein Erleger.
Gewiß, er war mir nahe oft schon als Kummer,
Als Glück wohl auch, als Sorge schon im Traume;
Die Lippen küßt' er mir im Bercherschaume,
Und war die Nacht, die hinging ohne Schlummer.
Er schnitt ins Leben mir mit seinem Messer,
Oft merkt' ich's kaum, ein leises, leises Zeichen:
Ich manchen Lenz noch zu erreichen,
Noch manche That zu tun – er weiß es besser.