König Wein

F. Wüllner

I.

Wer ist König dieser Erde,

Wer ist Fürst von hohem Preis?

Dass ihm jetzt gehuldigt werde,

Trete er in unsern Kreis.

Hohe Ahnen muss er sagen,

Ihrer Thaten sich erfreu'n,

Reiche Kronen soll er tragen

Und gewaltig muss er sein.

Lasst das Denken, lasst das Klügeln,

Das entscheidet sich geschwind:

Auf des Rheines Sonnenhügeln

Lächelt unser Königskind.

Hohe Thaten, hohe Siege

Kündet er uns spät und früh,

Sterne hüten seine Wiege

Und der Rhein umbrauset sie.

Der beginnet stolz zu schäumen,

Wenn er ihn gedeihen sieht,

Singt von süßen Heldenträumen

Ein gewaltig Wiegenlied.

Singt von finst'rer Taten Grauen,

Von dem Nibelungengold;

Singt von hohen, süßen Brauen

Und von süßem Minnesold.

Und in diesem heil'gen Walten

Wächst der König hoch und hehr,

Seines Mantels Purpurfalten

Rauschen über Land und Meer.

Und von hohen Felsenhallen

Sehen wir den Herrscher nah'n,

Und wir kommen, als Vasallen

Uns're Lehen zu empfah'n.

II.

Der Himmel war trüb, die Stern' ohne Schein,

Die Welt ward schwächer und schwächer,

Da kamest Du, o herrlicher Wein,

Ein Labsal für alle Zecher.

So golden wie ein feuriger Guss,

So süss wie ein lang' erflehter Kuss,

So schäumest Du in die Becher!

Sei uns gegrüsst, sei hochverehrt,

Du Held, vor Allen teuer!

Durchglüh' deines Volkes freies Schwert,

Durchglühe die freie Leier!

Gib im Unglück uns Mut und Milde im Glück,

Sei im Frieden ein wärmender Sonnenblick

Und im Krieg ein prophetisches Feuer!

Sei uns gegrüsst, Du herrlicher Wein,

Hilf segnen uns, hilf uns verdammen!

Voll Glut lass den Kuss der Liebe sein

Und voll Inbrunst des Zornes Flammen!

O segne Dein Volk, wenn das Glück es zerstreut,

Doch wenn Gefahr ihm und Knechtschaft dräut,

Dann ruf' es zu Taten zusammen!

III.

Nacht ist's an dem schönen Rheine,

Nebel deckt den Gau und Ruh',

Hoch auf dem Johannisberge

Schloss man längst die Keller zu.

Gold'ne Sterne glüh'n am Himmel,

In den Fässern gold'ner Wein,

Wein, wie er seit hundert Jahren

Nicht gewachsen an dem Rhein.

Horch, die Nacht durchklagt es leise,

Lang' eh' noch der Morgen graut;

In den Kellern, an den Fässern

Seufzt und stöhnt's wie Klagelaut.

Mönche sitzen an den Fässern,

Graberstand'ne bleiche Schaar;

Mönche, denen süß der Wein einst

Und das Beten sauer war.

Und sie schlagen an die Fässer,

Ziehen Glas um Glas heraus,

Und sie schlagen an die Brüste,

Prüfen, trinken, rufen aus:

„Ach, wir waren grosse Sünder,

Das wird klar uns diese Nacht,

Denn der Herr ließ uns nicht leben,

Bis wir solchen Wein gemacht!“

Horch, das war der erste Hahnruf!

Nehmet rasch den letzten Schluck,

Und dann fort zu deinen Särgen,

Weines - durst'ger Geisterspuk!

Tag wird's. In des Schlosses Keller

Tritt der Vogt und prüft die Gluth —

Leerer findet er die Fässer,

Und er nennt die Gärung gut.

IV.

So schäume denn hinab, hinab,

In deine feuchten Keller

Und gäre auf und kläre ab

Von Fass zu Fass dich heller!

Du Heldenkind, Du Siegfriedswein,

So stark, wie alte Sagen —

Dein Gold wird nicht versenkt im Rhein,

Dich trifft kein grimmer Hagen.

Nein, durch dein Volk mit Sang und Klang

Zieh' hin als Glutverweser,

Stark wie Jehovah's Donnergang

Und mild wie ein Erlöser.

Und rausche in der Herzen Blut

Und mach' sie schlagen dreister —

Die Becher füll' mit Deiner Flut,

Mit Deiner Glut die Geister!

Und deinem Volke, nah' und fern',

Verkünd' mit deinem Feuer,

Dass droben glüht ein deutscher Stern,

Dem deutsche Erde teuer.

Ha, wie der junge Geist sich regt,

Wie seine Flammen schlagen —

Das Land, das solchen Wein noch trägt,

Das wird auch Helden tragen!