Die traurige Krönung

Felix (August Bernhard) Draeseke

Es war ein König Milesint,

Von dem will ich euch sagen:

Der meuchelte sein Bruderskind,

Wollte selbst die Krone tragen.

Die Krönung ward mit Prangen

Auf Liffey-Schloß begangen.

O Irland! Irland! warest du so blind?

Der König sitzt um Mitternacht

Im leeren Marmorsaale,

Sieht irr' in all die neue Pracht,

Wie trunken von dem Mahle;

Er spricht zu seinem Sohne:

"Noch einmal bring die Krone!

Doch schau, wer had die Pforten aufgemacht?"

Da kommt ein seltsam Totenspiel,

Ein Zug mit leisen Tritten,

Vermummte Gäste groß and viel,

Eine Krone schwankt in Mitten;

Es drängt sich durch die Pforte

Mit Flüstern ohne Worte;

Dem Könige, dem wird so geisterschwül.

Und aus der schwarzen Menge blickt

Ein Kind mit frischer Wunde,

Es lächelt sterbensweh and nickt,

Es macht im Saal die Runde,

Es trippelt zu dem Throne,

Es reichet eine Krone

Dem Könige, des Herze tief erschrickt.

Darauf der Zug von dannen strich,

Von Morgenluft berauschet,

Die Kerzen flackern wunderlich,

Der Mond am Fenster lauschet;

Der Sohn mit Angst and Schweigen

Zum Vater tät sich neigen, --

Er neiget über eine Leiche sich.