Die Waisen des Kriegers
Ferdinand Ries
Schwester
Wo ist mein Vater und Mutter hin?
Sie liegen und schlafen im Grabe.
Durch Dörfer und Städt' ich gewandert bin,
Zu bitten um freundliche Gabe.
Verlassen von Allen, auf Erden allein,
Zum Obdach der Himmel, zum Schlafen der Rain,
So sind wir Geschwister der Leiden
Und hausen in Feldern und Haiden.
Bruder
Der Vater war fleißig, gut und fromm;
Ihn liebte der Hauptmann vor Allen.
Als er dort bei Wagram die Schanz' erklomm,
Da ist er mit Ehren gefallen.
Als vorwärts er stürmte, dicht neben dem Schlaf' --
O weh! -- eine feindliche Kugel ihn traf!
Ihn hat, nebst den tapfern Genossen,
Ein Grab an der Donau umschlossen.
Schwester
Es saß die Mutter und weint' am Rad',
Gebeugt von Krankheit und Jammer.
Von Gott sie des Vaters Rückkehr erbat;
Da stürzte die Muhm' in die Kammer
Händ'ringend und weinend: "Erschreck't Euch nur nicht,
Tod ist Euer Mann! so besagt der Bericht."
Der Mutter erbleichten die Wangen, --
Dort hat sie der Vater empfangen.
Bruder und Schwester
Und einsam stand unser kleines Haus,
Und Niemand dachte der Kleinen.
Da befahlen wir's Gott und zogen aus;
Denn Gott verläßt nicht die Seinen!
Der die Vöglein ernährt und des Wurm's hat Acht,
Der die Lilien kleidet in Fürstenpracht,
Zu ihm lehrte Vater uns beten, --
Er wird seine Stelle vertreten.