Gretchen in der Stadt

G. Gerson

Ich freue mich herz innichlich,

Daß ich die Stadt gesehen,

Doch um dort froh zu werden,

Muß man ihre Sprach verstehen

Sie reden ja so kauderwälsch

Und so vertrackte Sachen,

Daß ich nicht wußte ob sie deutsch,

Ob sie chinesisch sprachen.

Der eine sagte: Im Gesicht

Seh' er mir Rosen blühen,

Der and're sah in meinem Kopf

Zwei große Sterne Glühen,

Der Dritte jammerte sogar:

Ich schlüg ihm eine Wunde,

Und sprach: ich hätte Pfeil' im Aug',

Und Elfenbein im Munde.

Die närr'schen Leute glauben auch,

Ich hätte seid'ne Haare,

Von Alabaster sei mein Hals,

Wovor mich Gott bewahre!

Ein alter, kupfernas'ger Herr,

Der wollte gar beweisen:

Ich sei -- weil ich ihn ausgelacht-

Durchaus von Stahl und Eisen.

Ein Dichter sprach: er säh' mir's an,

Ich hätt' ein Herz von Butter,

Ein Mag'rer sprach: Cupid heiß' ich,

Und Venus meine Mutter

Ach Gott! was das für Lügen sind,

Das weiß ja doch ein Jeder,

Daß ich 'ne Waise bin und steh'

Im Dienst beym langen Peter.

Der Eine hätte, hielt' ich still

Mich in die Hand gebissen

Der Andre trat mich unter'm Tisch

Beständig mit den Füßen;

Der Dritte zwickte mich in's Kinn

Und hieß das arme Gretchen -

Wohl spottend nur - die Königin

Von allen andern Mädchen.

Und manche knieten gar vor mir

Und sagten mir zur Ehre,

Daß ich gar eine Göttin sey

Und anzubeten wäre.

Die Leute freveln lästerlich,

Denn wie ich das verstünde,

So müßt' ich Gottes Weib ja seyn,

Verzeih' mir Gott die Sünde!

Kurzum sie reden solches Zeug,

Es ist wohl Spott und Schande

Und seh'n auch Alles anders, als

Wir Leute auf dem Lande.

Was Schuld d'ran sey, daß falsch sie seh'n,

Das will ich euch wohl sagen:

Die Augengläser machen's, die

Sie auf den Nasen tragen.