Das Geständniß
G. Löhlein
Dich liebt ein Schäfer. Welche Liebe!
Mit jedem Tage mehrt sie sich.
Wenn ihn das Glück in Wüsten triebe,
Auch da noch, Hirtin, liebt' er dich.
O Daphne! deine Reize gönnen
Dem armen Schäfer keine Ruh'.
Ich will nicht seinen Namen nennen,
Doch höre meinem Liede zu.
Er hat (itzt zählt er zwanzig Lenze),
Dich, seit er denken kann, geliebt.
Er dichtet Lieder, windet Kränze,
Ist sonst in mancher Kunst geübt.
Durch ihn wird dich die Nachwelt kennen,
Denn alles, was er singt, bist du.
Ich will nicht seinen Namen nennen,
Doch höre meinem Liede zu.
Noch hat er keinem Freund gesaget
Was er für dich, o Daphne! fühlt.
Dem Walde hat er es geklaget,
Wo er auf seiner Leyer spielt.
Nichts wird sein Leben retten können,
Entdeckt er sich, verwirfst ihn du.
Ich will nicht seinen Namen nennen,
Doch höre meinem Liede zu.
Er ist, so oft er dich erblicket
Bereit, die Glut dir zu gestehn,
Doch Furcht vor deinem Zorn' ersticket
Stets sein Geständniß und sein Flehn.
Nie wird ein Herz so für dich brennen,
O schöne Feindin seiner Ruh!
Ich will nicht seinen Namen nennen,
Doch höre meinem Liede zu.
Er ist des Lebens völlig müde,
Ihn überströmet Quaal auf Quaal.
Für ihn ist nur im Grabe Friede;
Er wollt', er wollte tausendmal
Den Geist vor seiner Bürde trennen;
Du hieltest ihn zurück -- nur du.
Ich will nicht seinen Namen nennen,
Doch höre meinem Liede zu.
Willst du dein Mitleid ihm gewähren,
Flöst dir dies Lied die Neugierd' ein.
Wer es verfertigt hat, zu hören,
So frage mich und mich allein.
O Daphne! wolltest du ihn kennen!
Behalt dies Lied, das er dir weiht.
Ich will nicht seinen Namen nennen,
Belohne die Verschwiegenheit.