Lied an die Unschuld

G. Löhlein

Tochter nie entweihter Tugend

Mit des Himmels Reitz geschmückt!

Mache du, wie meine Jugend,

Jedes Alter mir beglückt!

Du, des Paradieses Gabe,

Du dem Manne Vollgewinn,

Und am schweren Pilgerstabe

Noch des Greises Führerin!

Alle Ruh' entweicht dem Herzen,

Unschuld, wenn dein Glück entweicht;

Und doch tauschen wir um Schmezen

Deine Freuden gar zu leicht.

Stimmen der Verführung schallen

Um den schwachen Jüngling her,

Und erst, wenn er schon gefallen,

Giebt er deinem Ruf Gehör.

Mit empörten Schlangenbissen

Martert Reue seine Nacht;

Zwar er schläft: Doch sein Gewissen,

Sein erzürnter Kläger, wacht;

Stürmt in unruhvollen Träumen

Laute Klagen in sein Ohr;

Hält sein Straucheln, sein Versäumen

Den erschrocknen Blicken vor.

Wer schon in der Kindheit Jahren,

Und als Jüngling, und als Mann,

Wie ein Kleinod dich bewahren,

Dein als Greis sich freuen kann:

Kalt wird der, bis Hesper schwindet,

Eitle Taumelfreuden sehn!

Wer in sich den Himmel findet,

Kann die Erde leicht verschmähn.