Der edle Freund
G. Petzoldt
Wenn's jährlich Frühling werden will,
Besuch' ich einen alten Freund,
Geh' auf den Kirchhof stumm und still,
Dort hab' ich oft um ihn geweint.
Im kleinen Raum, im Bette schmal,
Ist hier ein grosses Herz versenkt,
Das treu in Lust und treu in Qual
Ein guter Gott mir einst geschenkt.
Ich wein' an seines Grabes Rand
Und sprech' zu ihm wohl oft hinab,
Doch was ich fragend bei ihm stand,
Seit Jahren er nicht Antwort gab!
O gäb' er doch ein Zeichen mir,
Dass ihm bekannt ich denke sein,
Dass drüben auch, wie früher hier,
Er fortgedenke liebend mein!
Mein Blick fällt auf den Hügel mild,
Da liegt ein Todtenschädel frei;
Ich glaub', weil er mit Erd gefüllt,
Dass Zufall hier der Gärtner sei.
Doch in dem Kopf ein Blümchen stand,
Das blüht' in deutungsvollem Licht;
Ja, das hat mir mein Freund gesandt,
Er spricht durch ein: "Vergissmeinnicht!"