Am Brunnen

G. Rauchenecker

Frühmorgens sie am Brunnen stand

mit ihrem Gott allein,

der blanke Ring in ihrer Hand

ruht' auf dem Brunnenstein.

Sie stand so still, sie stand so stumm,

sie sah nicht auf, sie sah nicht um -

Ade, mein Lieb, ade!

Zu Häupten ihr ein Vöglein sang

sein Lied im Lindenbaum;

sie lauschte nicht dem süßen Klang,

sie stand als wie im Traum.

Es hat der jungen Sonne Licht

umstrahlt ihr lieblich Angesicht;

ade, mein Lieb, ade!

Sie stand und sann und legte dann

seufzend die Hand aufs Herz,

und eine heiße Zähre rann

und perlte erdenwärts.

Und Trän' auf Träne heiß entquoll

den treuen Äuglein kummervoll.

Ade, mein Lieb, ade!

Wohl dachte sie in ihrem Leid

in stiller Morgenstund'

an uns'rer Herzen Rosenzeit,

an uns'rer Liebe Bund.

Der Trennung Weh' ihr Herz beschlich,

sie stand und weinte bitterlich;

ade, mein Lieb, ade!