Die Zauber der Heimath
G. Rebling
Durch des Waldes Hauch, der dein Haupt gekühlt
Auf der Moosbank, wo du als Kind gespielt;
Durch der Linde Flüstern, die leise weht,
Wo dein Elternhaus unter Blumen steht;
Durch den Duft der Primel sogar im Gras;
Durch der Laube Dämmern: -- durch Alles das
Kehrt' ein Zauber in deinem Herzen ein,
Heilig und köstlich -- o, warte sein!
Durch die Quelle, die mit lullendem Ton
Oft dich gesungen in Träume schon;
Durch des Epheu's Zittern, der windbewegt
Um die Rinne schwankt und an's Fenster schlägt;
Durch der Biene Lied und der Nachtigall,
Durch der Sonntagsglocken freudigen Schall,
Und durch jeden Laut, der dich sonst beschlich,
Fester und süßer umstrickt er dich!
Durch das Dämmerstündchen am Winterheerd,
Wenn der Abend Plaudern und Lust bescheert;
Durch das Mährchen, vor dem der Sandmann flieht;
Durch das Abendgebet und das Abendlied;
Durch das Auge, das strahlt, und den Mund, der lacht;
Durch den Handdruck und durch das "Gute Nacht!"
Durch den Kuß bei'm Scheiden und, bei'm Empfang
Hält dich der Zauber dein Leben lang.
Segn' ihn, o segn' ihn! zerstör' ihn nicht!
Er ist dir ein Schirm und ein leitend Licht!
Er führte des Freien muthigen Schritt
In die Schlachten hinaus, die sein Bergvolk stritt;
Ließ den kehrenden Wandrer die Fluth bestehn,
Daß er sterbe, wo Lüfte der Heimath wehn;
Und zur Schwelle des Vaters -- lang, ach, geflohn! --
Bracht' er zurück den verlorenen Sohn!
Ja! wenn voll Trotzes dein Herz sich vermißt,
Wenn es fahrig schweift, wenn es kalt vergißt;
Wenn der schwüle, sengende Hauch der Welt
Auf das Blumenbeet deiner Kindheit fallt:
O, dann denk' an die Moosbank du wiederum,
An des Epheu's Geräusch, an der Biene Gesumm;
Denk' an den Baum vor des Vaters Thür --
Neu so gewinnst du den Zauber dir!