Das Bild der Rose
G. Reichardt
In einem Tale friedlich stille
sah eine Rose ich ersteh'n,
begabt mit hoher Schönheit Fülle,
wie ich noch keine je geseh'n.
In duftig angeschwelltem Moose
erschien der Knospe volle Pracht,
und schöner als in dieser Rose
hat nie der Jugend Bild gelacht.
Liebliches Bild, weile, o weile,
weile, o weile bei mir!
Und mich ergriff's mit süßem Beben,
bezaubert stand ich vor ihr da;
es floss in meine Brust ein Leben,
wie nie auf Erden mir geschah.
Dies Wonnebild der Rose weilet
in meiner treuen, warmen Brust,
und in der fernsten Zeit enteilet
mir nie des Bildes ew'ge Lust.
Liebliches Bild, weile, o weile,
weile, o weile bei mir!
In trübumwölkten Trauerstunden,
da zeigt sich mir der Rose Bild,
und schnell ist Sorg' und Gram verschwunden,
und jede Zähre ist gestillt.
Was durch verborg'ner Mächte Walten
auf dunklen Pfaden licht erschien,
soll Liebe treu im Busen halten,
soll stets mit mir durchs Leben zieh'n.
Liebliches Bild, weile, o weile,
weile, o weile bei mir!