Die feindlichen Brüder

G. von Giźycki

"Und wenn dich liebt die minnige Maid

Um die ich in wonnigem Werben gefrei't --

Bei ihren goldenen Haaren,

Bei ihrem Aug', das schwarz wie die Nacht,

Schwör' ich's, und bei der Hölle Macht:

Du sollst meine Rache erfahren!"

Hei, funkeln die Schwerter, hei, gleißet der Schild

Und Schlag auf Schlag fällt wuchtig und wild

So zuckend wie Blitzen flammen --

Da färben die Gräser sich blutig roth,

Da sinken auf blumigem Anger todt

Die feindlichen Brüder zusammen.

Sie kam zu der Stätte und sah die Zwei,

Sie hatte nicht Thränen, nicht Schmerzenschrei,

Sie lachte in irrem Entsetzen.

Dann sah man sie mit der Brüder Blut

Des wallenden Haargelocks goldene Flut

Aus klaffenden Wunden benetzen.

Die Helden saßen beim Göttermahl,

Da traten die Brüder in Wallhall's Saal

Das Aug' noch grollend im Grimme;

Da feierte rastend der goldne Pokal,

Da ward es stille mit einem Mal,

Ernst tönte nur Odin's Stimme:

"Der Bruder, der mit der frevelnden Hand

Den Bruder erschlug, er sei verbannt

Auf ewig aus diesen Hallen!

So streitet unstet, Nacht um Nacht,

Bis dämmernd das Morgenroth erwacht

Da, wo ihr sterbend gefallen!"

Wenn Nordsturm über die Haide saust,

Die Föhren schüttelt mit grimmer Faust,

Das sind die feindlichen Brüder.

Die kommen und kämpfen in Ewigkeit,

Beim Hahnschrei müssen sie sterben beid'

Und Nachts erwachen sie wieder.