An die Sonne
G. Witte
Geliebte Sonne, Allerbarmerin!
An deinem Busen hegst du dein Kind.
Schlafend lag ich im Fiebertraum,
Du kamst gewandelt, mich zu heilen;
Schwebst lieblich mit gold'nem Lächeln
In des Einsamen arme Zelle,
Dass der gefesselte Sinn des Kranken
Wie Knospenhülle die Decke lüftet.
Über Thurmhöhen, steile Dächer,
Durch Baumeswipfel wagst du den Weg,
Und schmiegst dich kosend, Gewaltige Du,
Mir um die Glieder, mir an das Herz.
Nicht viel genoss ich irdischer Feste,
All' meine Freuden reiftest mir du;
Die rote Frucht, deren Saft mich labt,
Das weiße Brot, dessen Kraft mich nährt,
Die duftigen Blumen an meinem Fenster,
Vom bunten Falter leicht umschwebt.
Ach, und des lieben einzigen Mädchens
Rosige Lippen, schimmernde Wangen,
Du ließest sie blühen deinem Sonnenkinde
Mir zum Segen, mir zur Freude.
Ach, und des einzig geliebten Freundes
Hehre Gestalt, in Jugendkraft prangend,
Du ließest sie wachsen wonnig empor
Mir zum Horte, mir zum Heile.
Weile noch, weile bis sie (er) naht!
Ueberhauche mit Glanz die traute Gestalt!
Ach, wenn ich ewig sie (ihn) sollt' entbehren,
Mir wäre besser auch dich zu missen,
Dass nur dein Auge am gold'nen Mittag
Auf stillem Hügel meinen Schlummer streifte.