Das gestörte Glück

Georg Gerson

Ich hab' ein heisses junges Blut,

Wie ihr wohl alle wißt,

Ich bin dem Küssen gar zu gut,

Und hab' noch nie geküßt;

Denn ist mir auch mein Liebchen hold

'S war doch, als ob's nicht werden sollt',

Trotz aller Müh und aller List

Hab' ich doch niemahls noch geküßt.

Des Nachbars Röschen ist mir gut,

Sie ging zur Wiese früh,

Ich lief ihr nach, und faßte Muth,

Und schlang den Arm um sie,

Da stach ich an dem Miederband

Mir eine Nadel in die Hand;

Das Blut lief stark, ich sprang nach Haus,

Und mit dem Küssen war es aus.

Jüngst ging ich so zum Zeitvertreib,

Und traf sie dort am Fluß,

Ich schlang den Arm um ihren Leib,

Und bat um einen Kuß;

Sie spitzte schon den Rosenmund,

Da kam der alte Kettenhund,

Und biß mich wüthend in das Bein,

Da ließ ich wohl das Küssen seyn.

Drauf saß ich einst vor ihrer Thür'

In stiller Freud' und Lust,

Sie gab ihr liebes Händchen mir,

Ich zog sie an die Brust;

Da sprang der Vater hinter'm Thor,

Wo er uns längst belauscht, hervor,

Und wie gewöhnlich war der Schluß,

Ich kam auch um den dritten Kuß.

Erst gestern traf ich sie am Haus,

Sie rief mich leis' herein:

"Mein Fenster geht in Hof hinaus,

Heut' Abend wart' ich dein."

Da kam ich denn im Liebeswahn,

Und legte meine Leiter an;

Doch unter mir brach sie entzwey,

Und mit dem Küssen war's vorbey.

Und allemahl geht mir's nun so,

O! daß ich's leiden muß!

Mein Lebtag werd' ich nimmer froh,

Krieg' ich nicht bald'nen Kuß.

Das Glück sieht mich so finster an,

Was hab' ich armer Wicht gethan?

Drum, wer es hört, erbarme sich,

Und sey so gut und küsse mich.