Faust

Gounod, Charles

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Faust Libretto

Deutsch Übersetzung

Margarethe

Personen:

MARGARETHE (Sopran)

FAUST (Tenor)

MEPHISTO (Bass)

VALENTIN (Bariton)

MARTHE (Alt)

BRANDER (Bariton)

SIEBEL (Sopran)

Bürger, Studenten, Soldaten, Hexen und Geister

SYSTEMERSTER AKT

SYSTEMNr. 1 - Introduktion

ERSTE SZENE

Faust's Studierzimmer. Faust an einem mit Folianten bedeckten Tische; die Lampe ist erloschen;

ein offenes Buch liegt vor ihm.

SYSTEMNr. 2 - Szene und Chor

FAUSTNichts!! ..

FAUSTUmsonst befrage ich der lichten Sterne Chor,

FAUSTDem Sinn ist stumm das Weltenall,

Und keine Stimme flüstert in mein Ohr

FAUSTDes Trostes sanften Schall!

FAUSTSchmachtend träum' ich wie zuvor,

FAUSTIrdische Pein verhüllt den Glanz

FAUSTDer Wahrheit dir, o armer Thor!

FAUSTIch zweifle stets und zweifle ganz.

Schlägt das Buch zu und steht auf. Der Tag bricht an

FAUSTDer Morgen naht, des Lichtes Macht

FAUSTVerdrängt die Nacht;

FAUSTMit Verzweiflung

FAUSTEin neuer Tag erscheint!

FAUSTO Tod, wann nahest du

FAUSTZu stillen meinen Drang?

FAUSTErgreift ein Fläschchen auf dem Tische

FAUSTWohlan, mit dir vereint

FAUSTMich dieser Labetrank!

FAUSTDir gilt mein letzter Gruss, o Tag!

FAUSTIch nähere mich voll Mut

FAUSTGetrost dem Pilgerziele,

FAUSTVerschwunden sei die letzte Klag',

FAUSTIch trotze kühn des Schicksals Spiele!

Giesst den Inhalt des Fläschchens in eine Kristallschale; im Begriff, diese an den Mund zu führen, ertönt hinter der Szene ein Chor junger Mädchen

CHORAh! Schlummernde Mägdelein,

CHORAuf, erwacht!

CHORSonnenschein so warm herein

Ins Stüblein lacht.

CHORVöglein im bunten Kleid

CHORSinget sein Lied,

CHORLichtstrahl an Lichtstrahl reih't,

CHORDämm'rung entflieht.

CHORSilberne Quelle fliesst

CHORAuf grüner Flur,

CHORBlume der Knosp' entspriesst

CHORUnd Lieb' der Natur!

FAUSTEit'le Klänge der ird'schen Lust,

FAUSTEilet, eilet hinweg! Enteilt!

FAUSTO Becher, den Freude

FAUSTGefüllet zum Rand,

FAUSTWas bebest du heute

FAUSTIn meiner Hand?

FAUSTFührt die Schale an den Mund

FAUSTCHOR der Landleute

Frisch auf, ins Feld, die Erde lacht,

FAUSTDie Lerche singt, der Tag erwacht;

FAUSTSei uns gegrüsset, Morgenrot!

FAUSTDie Sonne glänzt auf Wald und Au',

FAUSTUnd Blum' und Gras trinkt Morgentau;

CHORGelobt sei Gott!

CHORFaust sinkt in den Sessel zurück

SYSTEMNr. 3 - Rezitativ

FAUSTDoch dieser Gott, was vermag er für mein Glück?

FAUSTGibt er mir Glauben, Lieb' und Jugend je zurück?

FAUSTVerflucht seist du auf ewig, eitles Menschenherz,

FAUSTVerflucht die Kette, das ird'sche Band

FAUSTVon Erdenglück und Erdenschmerz!

FAUSTVerflucht, was uns mit Trug umspannt,

FAUSTDes Himmels Macht, der Seele Trieb,

FAUSTVerflucht sei Glück, sei Ruhm und Macht!

FAUSTDer Hoffnung Fluch und Fluch der Lieb',

FAUSTFluch dir Geduld!

FAUSTSatan herbei! Herbei zu mir!

Mephistopheles erscheint

FAUSTZWEITE SZENE

SYSTEMNr. 4 - Duo

MEPHISTOPHELESWer ruft? - Gefall' ich dir nicht?

MEPHISTOPHELESWas starrst du so mir ins Gesicht?

MEPHISTOPHELESDen Degen zur Seit',

MEPHISTOPHELESDie Feder am Hut,

MEPHISTOPHELESUnd die Tasche voll Geld,

MEPHISTOPHELESJa keck und voller Mut,

MEPHISTOPHELESUnd angetan

MEPHISTOPHELESWie ein rechter Edelmann!

MEPHISTOPHELESWohlan, so sprich! was willst du von mir?

MEPHISTOPHELESNur keck, rede, was fehlet dir?

FAUSTGeh'!

MEPHISTOMeinen Dienst ich dir gelobe.

FAUSTVergebens!

MEPHISTOStell' ihn doch auf die Probe!

FAUSTHinweg!

MEPHISTOEi! das ist ein art'ger Lohn!

MEPHISTOHast du den Teufel nur genannt

MEPHISTOZum Zeitvertreib und sprichst ihm Hohn,

MEPHISTOWeil er, gnäd'ger Herr, dich fand?

FAUSTWas vermagst du für mich?

MEPHISTOAlles! Alles!

MEPHISTODoch sag' mir zuvor, was wünschest du?

MEPHISTOIst Gold dein Begehr?

FAUSTWas soll Gold, was soll mir Reichtum?

MEPHISTOGut, ich sehe deiner Wünsche Ziel:

MEPHISTODich lockt des Ruhmes Glanz!

FAUSTWeit gefehlt!

MEPHISTODie Gewalt -?

FAUSTNein!

FAUSTEin Wunsch mich beseelt,

FAUSTDer Alles vereint.

FAUSTSo höre: die Jugend!

FAUSTO gib junges Blut,

FAUSTGib Wonne und Glück,

FAUSTO gib neuen Mut

FAUSTUnd Kraft mir zurück!

FAUSTO gib süsse Lieb'

FAUSTSüss-Mägdeleins Kuss -

FAUSTUnd wonnigen Trieb,

FAUSTVereinend zur Lust!

FAUSTWarm Herz, frohen Sinn

FAUSTGib neu mir zurück,

FAUSTO gib den Gewinn

FAUSTDer Liebe: das Glück!

MEPHISTOWohlan, es sei!

MEPHISTOIch vermag dein Sehnen zu stillen.

FAUSTUnd was biet' ich dagegen dir?

MEPHISTOSo viel wie Nichts!

MEPHISTOHienieden gehorch' ich dir -

MEPHISTOAber dort gehörst du mir.

FAUSTDort?

MEPHISTOJa, dort. -

MEPHISTOEr reicht ihm ein Blatt

MEPHISTONun schreibe!

MEPHISTODu bebst? hab' Vertrauen,

MEPHISTODeiner harrt schon die schönste Maid!

MEPHISTOSieh die Jugend dir winken,

MEPHISTOWag' nur, sie anzuschau'n!

Auf Mephisto's Wink öffnet sich der Hintergrund; man sieht Margarethe am Spinnrade

FAUSTHa, welch Wunder!

MEPHISTOEndlich! - Nun, so schreibe!

FAUSTGib her!

FAUSTEr unterschreibt

MEPHISTOEs ist gescheh'n!

MEPHISTOReicht Faust die Schale

MEPHISTOVon nun an soll, o Faust!

MEPHISTOAus dieses Bechers Schaum

MEPHISTOEin neues Leben dir erblühen,

MEPHISTOUnd junges Blut strömt rein und voll

MEPHISTOIn deine Brust;

MEPHISTOGift, Schmerz und Tod sei Traum!

FAUSTergreift die Schale

FAUSTDir, schönes Götterbild,

FAUSTSei dieser Trank geweiht!

Faust leert die Schale und verwandelt sich in einen eleganten Junker. Die Erscheinung verschwindet

MEPHISTOKomm!

FAUSTWerd' ich sie wiederseh'n?

MEPHISTOKein Zweifel.

FAUSTWann?

MEPHISTONoch heute.

FAUSTWohlan!

MEPHISTOIns Weite!

MEPHISTOWohlan denn!

FAUSTIch fühl' junges Blut,

FAUSTLust, Wonne und Glück,

FAUSTIch fühl' neuen Muth,

FAUSTUnd Kraft kehrt zurück!

FAUSTIch fühl' süsse Lieb'

FAUSTSüss-Mägdeleins Kuss

FAUSTUnd wonniger Trieb

FAUSTVereint uns zur Lust!

FAUSTWarm Herz, froher Sinn

FAUSTKehrt neu mir zurück,

FAUSTIch fühl' den Gewinn

FAUSTDer Liebe: das Glück!

MEPHISTODir winkt süsse Lieb',

MEPHISTODir winket der Mägdelein Kuss,

MEPHISTOUnd wonniger Trieb

MEPHISTOVereint uns zur Lust;

MEPHISTOWarm Herz, froher Sinn

MEPHISTOKehrt neu dir zurück;

MEPHISTODein ist der Gewinn

MEPHISTODer Liebe: das Glück!

SYSTEMZWEITER AKT

MEPHISTOERSTE SZENE

MEPHISTOVor einem Stadttor. Zur Linken eine Herberge mit dem Schilde "Zum Gott Bacchus".

MEPHISTOKirmess

MEPHISTOBrander. Junge Mädchen. Matronen. Bürger. Studenten. Soldaten

SYSTEMNr. 5 - Allgemeiner Chor

STUDENTENWein und Bier,

STUDENTENUnd Bier und Wein

STUDENTENMunden mir,

STUDENTENDrum schenket ein!

STUDENTENSeinen Becher

STUDENTENZug um Zug

STUDENTENLeert der Zecher

STUDENTENWie im Flug!

BRANDERAlles Nasse

BRANDERTrinkt er gern,

BRANDERBleibt das Wasser

BRANDERNur ihm fern,

BRANDERUnd ihm winken

BRANDERFreud' und Lieb',

BRANDERWo zu trinken

BRANDEREs was gibt.

STUDENTENAlles Nasse

STUDENTENTrinkt er gern etc.

STUDENTENStossen an und trinken

SOLDATENMädchen oder Vesten

SOLDATENNehmen wir, gleichviel,

SOLDATENDen Soldaten-Gästen

SOLDATENIst das leichtes Spiel!

SOLDATENWer kühn es unternommen,

SOLDATENAls ein rüstiger Held,

SOLDATENWird zu eigen sie bekommen

SOLDATENUnd das Lösegeld!

BÜRGERSonntags und an Feiertagen,

BÜRGERDa plaudr' ich gern von Krieg und Streit,

BÜRGERWährend sich die Völker weit

BÜRGERIhre Köpfe zerschlagen.

BÜRGERUm Länder kämpft der Türk' und Russ',

BÜRGERIch aber sitz' im weichen Grase

BÜRGERAuf dem Hügel hier am Fluss,

BÜRGERTrink' aus vollem Glase!

BÜRGERBürger und Soldaten ziehen sich in den Hintergrund zurück

JUNGE MÄDCHENSeht' dort jene lust'gen Knaben

JUNGE MÄDCHENNah'n mit kühnem Schritt,

JUNGE MÄDCHENMüsst euch nicht zu strenge haben,

JUNGE MÄDCHENWollen auch gern mit.

JUNGE MÄDCHENGehen nach rechts in den Hintergrund

STUDENTENNach den Mädchen lasst uns schauen,

STUDENTENUnd erwählen sie,

STUDENTENDoch den Blicken nicht vertrauen,

STUDENTENHerzen stehlen sie!

MATRONENbeide Chöre betrachtend

MATRONENSeht, nach jenen eitlen Kindern

MATRONENLäuft der Männer Schwarm;

MATRONENKönnen wir sie doch nicht hindern.

MATRONENDass sich Gott erbarm!

MATRONENHaben sich auch in den Hintergrund begeben

JUNGE MÄDCHENIhr wollt gefallen,

JUNGE MÄDCHENBenehmt euch fein,

JUNGE MÄDCHENUnd eure Krallen -

JUNGE MÄDCHENZieht sie nur ein.

JUNGE MÄDCHENKraust man auch die Stirne

JUNGE MÄDCHENUnd wird man rot,

JUNGE MÄDCHENKommen hübsche Jungen,

Nimmt man doch sie an:

JUNGE MÄDCHENJa, ein wenig glauben

JUNGE MÄDCHENMuss man dem Galan!

MATRONENSie woll'n gefallen,

MATRONENO wir sehen's ein;

MATRONENJa, sie sind fein,

MATRONENDas seh'n wir ein.

MATRONENKräuselt nur die Stirne,

MATRONENSeid verschämt und rot,

MATRONENNahen euch die Jungen,

MATRONENNehmt ihr doch sie an.

MATRONENSeht, die scheuen Tauben

MATRONENKirret der Galan! -

MATRONENOb sie, ihm zu glauben,

MATRONENWohl auch recht getan?

BÜRGERWohlan! schenkt ein!

BÜRGERWie schmeckt so fein

BÜRGERDer edle Wein!

BÜRGERMein Weib zürne,

BÜRGERDas soll den Spass mir nicht rauben.

BÜRGERWohlan, schenk' ein,

BÜRGERSüss schmeckt der Wein!

BÜRGERHerr Nachbar, schenkt ein

BÜRGEREin Glas Wein!

BÜRGERMir soll gefallen

BÜRGEREin Gläschen Wein!

STUDENTENWir wollen Vasallen

STUDENTENDer Schönheit sein,

STUDENTENWir wollen gefallen

STUDENTENUnd lieben allein!

STUDENTENZieret sich die Dirne,

STUDENTENHat es keine Not!

STUDENTENKommen wir gesprungen,

STUDENTENNimm sie doch uns an.

STUDENTENSüsse holde Tauben,

STUDENTENEuch beten wir an!

STUDENTENim Wirtshaus

STUDENTENHoch leb' der Wein!

STUDENTENEr lebe hoch, der Wein!

STUDENTENWein und Bier,

STUDENTENBier und Wein

STUDENTENMunden mir,

STUDENTENDrum schenkt ein!

STUDENTENSeinen Becher

STUDENTENZug um Zug,

STUDENTENLeert der Zecher

STUDENTENWie im Flug!

STUDENTENAlles Nasse

STUDENTENTrinkt er gern,

STUDENTENBleibt das Wasser

STUDENTENNur ihm fern!

STUDENTENUnd ihm winken

STUDENTENRuhm und Lieb',

STUDENTENWo zu trinken

STUDENTENEs was gibt.

SOLDATENKrieger vor Allen

SOLDATENMädchen gefallen,

SOLDATENKrieger vor Allen

SOLDATENMutig und fein,

SOLDATENSie nur, sie gefallen

SOLDATENUnd ihr Liebeswallen

SOLDATENStets den Mägdelein!

SOLDATENNehmt die schmucken Dirnen,

SOLDATENUns schreckt nicht ihr Zürnen,

SOLDATENSturm heisst das Gebot;

SOLDATENBis wir sie bezwungen,

SOLDATENBis der Sieg errungen

SOLDATENUnd das Werk getan,

SOLDATENStimme frohe Weisen,

SOLDATENUnsre hat zu preisen,

SOLDATENLied und Trommel an!

SOLDATENWir, nur wir gefallen

SOLDATENStets den Mägdelein!

SOLDATENAlle Chöre nach verschiedenen Richtungen ab

SOLDATENZWEITE SZENE

SOLDATENValentin. Brander. Siebel. Studenten-Chor

SYSTEMNr. 6 - Rezitativ

tritt auf, eine silberne Medaille in der Hand

VALENTINO heiliges Sinnbild,

VALENTINDas mein Gretchen mir gab,

VALENTINDen Tod stets abzulenken,

VALENTINAuf meinem Herzen ruh',

VALENTINSchmerz und Unheil wend' ab.

VALENTINHängt die Medaille um den Hals und geht nach der Schenke zu

BRANDERSeht, dort naht Valentin,

BRANDERSchon zur Reis' angeschickt.

VALENTINEin letzter Trunk, Kam'rad,

VALENTINUnd dann ins Feld gerückt.

BRANDERWas fehlt dir? welcher Kummer,

BRANDERSprich, bedrückt dein Herz?

VALENTINSo wie ihr, scheid' von der Heimat

VALENTINIch voll Schmerz.

VALENTINIch lasse Margarethe,

VALENTINSie bleibt hier ohne Schutz,

VALENTINDie Mutter wacht nicht mehr!

SIEBELIch biete allem Trutz.

SIEBELDass schützet sie mein Arm,

SIEBELGelob' ich dir!

VALENTINHab' Dank!

SIEBELVertraue fest auf mich!

CHORWir auch beschützen sie!

BRANDERIhr Freunde, kommt! Lasst unmännliche Tränen,

BRANDERScheucht mit dem edlen Weine eitles Sehnen.

BRANDERStosst an! stosst an! und trinkt und singt;

BRANDERZum Abschied singt ein fröhlich Lied!

CHORStosst an! stosst an! etc.

BRANDERNe Ratt', furchtsam gar und feige,

BRANDERDie sich stets verkroch,

BRANDERDie sass, zehrend jede Neige,

BRANDERIn dem Kellerloch!

BRANDERNe Katz -

BRANDERDRITTE SZENE

BRANDERMephisto. Die Vorigen

MEPHISTOVerzeiht!

BRANDERHe?

MEPHISTOWill's den Herren nicht bequemen,

MEPHISTOIn ihren Kreis mich aufzunehmen?

MEPHISTOSingt, Freund', und wenn mit Eurem Lied ihr fertig seid,

MEPHISTOBin auch ich etwas zu singen gerne bereit.

BRANDERLass nur hören dein Lied,

BRANDERWir wissen es zu schätzen.

MEPHISTOIch werd' mein Bestes tun,

MEPHISTODie Herren zu ergötzen!

SYSTEMNr. 7 - Rondo

MEPHISTOJa, das Gold regiert noch die Welt,

MEPHISTOUnd sie senden

MEPHISTOWeihrauchspenden

MEPHISTODer Macht, die sie gefesselt hält.

MEPHISTOHört die güldnen Taler klingen;

MEPHISTOAuf des Götzen Weltaltar

MEPHISTOBringt ein Fürst selbst Opfer dar,

MEPHISTOUnd im tollen Reigen schwingen

MEPHISTOSich herbei die Völker all',

MEPHISTOSatan selbst führt an den Ball!

MEPHISTOVor dem Gold liegt die Welt im Staub.

MEPHISTOSie baut Throne,

MEPHISTOGott zum Hohne,

MEPHISTOZu ihm auf ins Aetherblau!

MEPHISTOMammon schürzt die goldnen Schlingen,

MEPHISTOUnd der Krieg, die Angst und Not,

MEPHISTOFluch, Verheerung, Sünd' und Tod

MEPHISTOMit der Menschheit rastlos ringen.

MEPHISTOHell erglänzt der Höll' Metall,

CHORSatan selbst führt an den Ball!

SYSTEMNr. 8 - Szene und Chor

CHORWir danken für dein Lied.

VALENTINEin kurioser Geselle!

BRANDERBehagt Euch ein Glas Wein,

BRANDERSo stosset an mit mir.

MEPHISTOein Glas nehmend

MEPHISTOHerzlich gern!

MEPHISTOBrander's Hand fassend

MEPHISTODoch was erblick' ich hier?

MEPHISTOSeht Ihr wohl diese Linie?

BRANDERUnd nun?

MEPHISTOLasst Euch prophezeihen:

MEPHISTODer nächste Festungssturm

MEPHISTOBringt Euch sicher den Tod!

SIEBELSo seid ein Zaub'rer Ihr?

MEPHISTOSiebel's Hand fassend

MEPHISTODarum seh' ich voll Not, o Knab',

MEPHISTOIn deiner Hand geschrieben dein Geschick,

MEPHISTODass jede Blum' von dir berührt,

MEPHISTOVerwelkt im Augenblick!

SIEBELWie?

MEPHISTOKein Sträusslein mehr bringst du Margarethen.

VALENTINO sprich, wer nannte diesen Namen dir?

MEPHISTOMögt das Schwert immer wetzen!

MEPHISTODer den Tod Euch bringt, o Held,

MEPHISTOIst nicht mehr weit! -

MEPHISTOEr trinkt

MEPHISTOAuf euer Wohl!

MEPHISTOPfui! bringt den schlechten Trunk bei Seit'.

MEPHISTOIndem er auf eine Bank steigt, schlägt auf das kleine Fass, auf welchem Bacchus als Schild der Schenke angebracht ist

MEPHISTOErlaubt aus meinem Keller euch

MEPHISTOEin Pröbchen vorzusetzen.

MEPHISTOHollah! Vater Bacchus, schenk' ein!

MEPHISTOKommt Alle heran!

MEPHISTOEin Jeder wähle dann, was ihm beliebt;

MEPHISTOEs lebe hoch die allgekannte Schöne,

MEPHISTOHoch Margarethe!

VALENTINentreisst Mephisto das Glas; der verschüttete Wein brennt in Flammen

VALENTINGenug! des Todes bin ich wert,

VALENTINWenn ich nicht strafe deine Red'!

BRANDERHollah!

CHORHollah!

MEPHISTOIhr bebt und zagt,

MEPHISTODie mir zu droh'n gewagt?

VALENTINzieht sein Schwert

VALENTINMein Schwert, o welch Grauen,

VALENTINScheint in die Luft zu hauen!

VALENTINAlle ziehen die Schwerter; Mephisto zieht mit dem seinen einen Kreis um sich; die Studenten dringen auf ihn ein und werden von einer unsichtbaren Macht zurückgehalten. Valentins Schwert zerbricht

VALENTINSIEBEL, BRANDER, VALENTIN, CHOR

VALENTINJa, wir müssen der Hölle Trug erliegen,

VALENTINUnser Schwert kann ob Zauberspuk nicht siegen.

VALENTINAlle fassen die Schwerter an den Klingen und halten sie Mephisto in Kreuzesform entgegen

VALENTINDoch, der du selbst das Eisen brichst, erzittre,

VALENTINDass deine Macht dies Kreuz in Nichts zersplittre!

VALENTINMephisto weicht zurück

CHORDoch, der du selbst das Eisen etc.

CHORAlle ausser Mephisto ab

CHORVIERTE SZENE

CHORFaust. Mephistopheles

MEPHISTOsein Schwert einsteckend

MEPHISTOWir treffen uns schon wieder, meine Freunde!

MEPHISTOLebt wohl!

FAUSTSprich, was fehlt dir?

MEPHISTONichts!

MEPHISTOAuf, ans Werk jetzt sogleich!

MEPHISTOSagt mir, Herr Doktor, nun, -

MEPHISTOWomit soll ich beginnen?

FAUSTWo birgst du das liebliche Kind,

FAUSTDas du jüngst mir gezeigt?

FAUSTEs darf mir nicht entrinnen.

MEPHISTOO nein! Doch schwer wird's halten,

MEPHISTOIhre Unschuld zu gewinnen,

MEPHISTODa selbst der Himmel sie bewacht.

FAUSTWas tut's, ich will's!

FAUSTAuf, führe mich zu ihr,

FAUSTOder ich scheide von dir!

MEPHISTONun so sei's!

MEPHISTOAllzusehr halt' ich an meiner neuen Pflicht,

MEPHISTODrum walte auch ein Zweifel länger nicht.

MEPHISTOWartet hier!

MEPHISTOBei dieser frohen Töne Klang

Das schöne Kind erscheint

MEPHISTOUnd stillt des Herzens Drang.

MEPHISTOFÜNFTE SZENE

MEPHISTODie Vorigen. Studenten. Junge Mädchen. Matronen. Bürger, dann Siebel und Magarethe.

MEPHISTOStudenten und Mädchen beginnen den Tanz, Musikanten und Bürger folgen.

SYSTEMNr. 9 - Walzer und Chor. Tanz

CHORLeichte Wölkchen sich erheben,

CHORVon des Zephyrs Hauch bewegt,

CHORUnd der Staub fliegt leicht erregt,

CHORWo im Tanz die Paare schweben,

CHORAuf der Freude frohen Schwingen

CHORWeithin hört den Walzer klingen.

MEPHISTOSieh die schönen Gestalten!

MEPHISTOWillst du nicht der Schönsten unter ihnen

MEPHISTOAnbieten deinen Arm?

FAUSTLass die Scherze, die Spötterei'n;

FAUSTSie allein bringt Heil meinem Herzen!

SIEBELIch muss an diesem Ort bald sehen Margarethen!

EINIGE JUNGE MÄDCHENDu hast uns heut' noch nicht zum Tanz gebeten!

SIEBELNein, nein! Ich tanze heut' nicht.

CHORLeichte Wölkchen sich erheben etc.

Margarethe tritt auf

FAUSTO welch Glück! sie ist es!

MEPHISTONun wohl! so sprich zu ihr.

SIEBELMargarethe!

MEPHISTOWas gibt's?

MEPHISTOMephisto stellt sich zwischen Siebel und Margarethe

SIEBELVerwünschter Kerl! auch noch da!

MEPHISTOJa, wirklich mein Freund! Ihr auch da?

MEPHISTOHaha! Wahrhaftig, guter Freund, auch Ihr seid da!

FAUSTMein schönes Fräulein, darf ich's wagen,

FAUSTMeinen Arm und Geleit Euch anzutragen?

MARGARETHEBin weder Fräulein, weder schön,

MARGARETHEKann ungeleitet nach Hause geh'n.

FAUSTAuf mein Wort, sie ist reizend

FAUSTUnd schön zum Entzücken!

FAUSTO himmlische Maid, dich lieb' ich!

SIEBELSie ist verschwunden!

MEPHISTOWie ging's?

FAUSTWeh mir! man stiess mich zurück!

MEPHISTOWohlan! so misch' ich mich drein,

MEPHISTOUnd bald ist Margarethe dein!

MEPHISTOMephisto und Faust ab

JUNGE MÄDCHENSprecht, was gibt's?

ZWEITE GRUPPE DER MÄDCHENEs war Gretelein, die von dem Junker

ZWEITE GRUPPE DER MÄDCHENNicht wollte begleitet sein.

CHORTanzet, walzet, tanzet nur zu!

CHORLeichte Wölkchen sich erheben etc.

CHORSeht wie schnell sie sich drehen,

CHORIm weiten Raum Gewänder leicht wehen.

CHORWelch Glück, welche Wonne

CHORErregt die Brust,

CHORNichts unter der Sonne

CHORGleicht dieser Lust!

SYSTEMDRITTER AKT

CHORGarten bei Margarethe. Im Hintergrund eine Mauer mit Pforte. Links ein Bosquet. Rechts ein Pavillon, dessen Fenster dem Publikum gegenüber liegen. Bäume und Strauchwerk.

CHORERSTE SZENE

CHORSiebel kommt durch die Pforte und bleibt beim Pavillon neben einem Rosen- und Fliederbusch stehen

SYSTEMNr. 10- Romanze

SIEBELBlümlein traut, sprecht für mich

SIEBELRecht inniglich!

SIEBELLiebesgruss zu ihr traget,

SIEBEL"Bist so schön" schmeichelnd saget,

SIEBEL"Dass sein Herz Tag und Nacht

SIEBELFür dich nur wacht."

SIEBELBlümlein traut, sprecht für mich

SIEBELRecht inniglich!

SIEBELHauchet leis' ihr entgegen:

SIEBEL"Holde lass dich bewegen",

SIEBELBlümlein traut, sagt für mich: "Er liebt nur dich."

SIEBELPflückt eine Blume

SIEBELVerwelkt!

SIEBELDieser Zaub'rer - Gott verdamm' ihn,

Wirft sie mit Verdruss fort

SIEBELBracht' Unglück mir!

SIEBELDie Blume, die ich pflückte hier,

SIEBELSie welkt schon hin.

SIEBELPflückt eine andere, die auch welkt

SIEBELGeweihtes Wasser soll die Hand mir netzen!

SIEBELZu beten hier allabendlich,

SIEBELIst Magarethens Brauch,

SIEBELTaucht seine Hand in den Weihbronn-Napf, der am Pavillon angebracht ist

SIEBELNun lass sehen, verwelkt sie? Nein!

SIEBELSatan, ich spotte dein!

SIEBELBlümlein traut, sprecht für mich

SIEBELSo inniglich,

SIEBELWas mein Mund ihr verschweiget,

SIEBELEure Nähe ihr zeiget;

SIEBELRote Ros', Veilchen blau,

SIEBELMein Herz vertrau'!

SIEBELBlümlein traut, sprecht für mich

SIEBELRecht inniglich!

SIEBELWas ich hoffe, duftend saget,

SIEBELWenn errötend sie fraget,

SIEBELWer euch bracht', Blümlein wisst -

SIEBELLeise dann sie küsst!

SIEBELEilt in den Hintergrund des Gartens

SIEBELZWEITE SZENE

SIEBELFaust. Mephistopheles. Siebel

SIEBELFaust und Mephisto kommen durch die Pforte

SYSTEMNr. 11 - Rezitativ

FAUSTHier herein?

MEPHISTOFolget mir!

FAUSTWas erspäht hier dein Blick?

MEPHISTOSiebel schleicht dort allein!

FAUSTIst's wahr?

MEPHISTOStill! - Er ist da.

MEPHISTOBeide ziehen sich zurück

SIEBELeinen Strauss in der Hand

SIEBELEinen schönern Strauss man nimmer sah!

MEPHISTOVortrefflich!

SIEBELO Freude! ich werde morgen ihr

SIEBELGetreu Alles erzählen,

SIEBELWird dann ihr Blick mich fragen,

SIEBELWen willst du erwählen?

SIEBELEin heisser Kuss soll ihr Alles sagen!

SIEBELHängt den Strauss an die Tür des Pavillons, dann ab

SIEBELDRITTE SZENE

SIEBELMephisto. Faust

MEPHISTOVerführer!

MEPHISTOErwartet mich hier, ich muss gehn.

MEPHISTOStatt der Blumen werd' ich Euch eine Gabe bringen,

MEPHISTOSo prächtig wie keine sie geseh'n!

MEPHISTOBlitzend Gestein soll ihr Herz bezwingen,

MEPHISTOUnd Alles Euch nach Wunsch gelingen.

FAUSTWelch unbekannter Zauber fasst mich an,

FAUSTIch fühl's, die Liebe ist kein leerer Wahn!

FAUSTO Margarethe, dir zu Füssen lieg' ich hier!

FAUSTVIERTE SZENE

SYSTEMNr. 12 - Kavatine

FAUSTGegrüsst sei mir, o heil'ge Stätte,

FAUSTVon banger Lust erfüllt ich dich betrete,

FAUSTAsyl der frommen Einfalt und der keuschen Unschuld!

FAUSTO welche Pracht in dieser Einfachheit,

FAUSTWelch Geist der Ordnung und Zufriedenheit!

FAUSTO Natur, hier fandest du das Kind,

FAUSTDie Jahre schwanden,

FAUSTEin reizendes Götterbild

FAUSTIst leicht erstanden;

FAUSTIn diesem stillen Hause

FAUSTHier schufst du so viel Anmut,

FAUSTHier war's - ja, hier mit frohem leichten Leben

FAUSTIhr junges Herz fülltest du aus:

FAUSTGegrüsst sei mir etc.

FAUSTFÜNFTE SZENE

SYSTEMNr. 13 - Rezitativ

FAUSTMephisto. Faust

MEPHISTOmit einem Kästchen unterm Arm

MEPHISTOVon dannen, sie naht!

MEPHISTOVerdrängt der Blumenstrauss selbst diesen Schmuck,

MEPHISTODann ist's vorbei mit allem Zauberspuk!

FAUSTHinweg! Denn nie will ich sie wiederseh'n!

MEPHISTOWie, Ihr zaudert jetzt?

MEPHISTOAn der Schwelle der Tür

MEPHISTOSieht stehen sie den Schmuck.

MEPHISTOJetzt kommt und lasst uns geh'n!

MEPHISTOSetzt das Kästchen an die Türe des Pavillons. Beide ab

MEPHISTOSECHSTE SZENE

SYSTEMNr. 14 - Szene und Arie

erscheint in der Pforte und kommt sinnend in den Vordergrund

MARGARETHEIch gäb' was d'rum, wenn ich nur wüsst',

MARGARETHEWer heut' der Herr gewesen ist. -

Setzt sich ins Bosquet an ihr Spinnrad, spinnt und singt

MARGARETHEEs war ein König in Thule

MARGARETHEGetreu bis in das Grab,

MARGARETHEDem sterbend seine Buhle

MARGARETHEEinen goldenen Becher gab.

MARGARETHEGesprochen

Er hat ein edles Wesen, so schien es mir sogleich.

MARGARETHEEs ging ihm nichts darüber,

MARGARETHEEr leert' ihn jeden Schmaus;

MARGARETHEDie Augen gingen ihm über,

MARGARETHESo oft er trank daraus.

MARGARETHEUnd als es kam zum Sterben,

MARGARETHEZählt' er seine Städt' im Reich,

MARGARETHEGönnt Alles seinem Erben -

MARGARETHEDen Becher nicht zugleich;

MARGARETHEEr sass beim Königs-Mahle,

MARGARETHEDie Ritter um ihn her,

MARGARETHEIm hohen Vätersaale

MARGARETHEDort auf dem Schloss am Meer.

MARGARETHEDort stand der alte Zecher,

MARGARETHETrank letzte Lebensglut,

MARGARETHEUnd warf den heil'gen Becher

MARGARETHEHinunter in die Flut!

MARGARETHEGesprochen

Ich wusste nichts zu sagen; erröten tat ich nur.

MARGARETHEEr sah ihn stürzen, trinken

MARGARETHEUnd sinken tief ins Meer!

MARGARETHEDie Augen täten ihm sinken,

MARGARETHETrank nie einen Tropfen mehr! -

MARGARETHENur grosse Herr'n sie geh'n

MARGARETHESo stolz daher, so huldvoll auch dabei.

MARGARETHEDoch nun davon nichts mehr! -

MARGARETHEO Valentin, hört Gott mein Fleh'n,

MARGARETHEBald kehrst du heim! Bin hier ja so allein!

MARGARETHEGeht zum Pavillon und sieht das Bouquet an der Türe

MARGARETHEEinen Strauss!

Sie nimmt ihn

MARGARETHESiebel kam mich zu seh'n.

MARGARETHEAch armer Freund! - Was seh' ich da?

MARGARETHEErblickt das Kästchen

MARGARETHEWo kommt das reiche Kästchen her?

MARGARETHEIch wag' heran mich kaum!

MARGARETHEDoch vielleicht, - dabei der Schlüssel lag;

MARGARETHESoll ich es öffnen? Ha, ich bebe! Warum?

MARGARETHETue ich deshalb doch keine Sünde!

Öffnet das Kästchen und lässt den Strauss fallen

MARGARETHEO Gott! welch reicher Schmuck!

MARGARETHEIst's ein lieblicher Traum, der mich täuscht, der mich belüget!

MARGARETHEUnd der mit seinem wunderbaren Glanz mich betrüget!

MARGARETHESetzt das Kästchen auf einen Stuhl und kniet davor

MARGARETHEAch, ich wage es kaum,

MARGARETHEUnd trüge doch so gern

MARGARETHEHier diese Ohrgehänge.

MARGARETHEAch, ein Spiegel liegt dabei,

MARGARETHEGleich darin sich zu sehen,

MARGARETHERecht bequem! wie nun ihm länger widerstehen?

Schmückt sich mit den Ohrgehängen und blickt in den Spiegel

MARGARETHEHa, welch ein Glück mich zu seh'n,

MARGARETHEMich hier so prächtig und schön!

MARGARETHESpiegel klar, ich dich frage:

MARGARETHEBin ich's denn? Schnelle mir es sage!

MARGARETHENein, nicht Gretchen ich find',

MARGARETHENein, ihr Bild nicht hier sich zeiget,

MARGARETHE'S ist ein stolzes Königskind,

MARGARETHEVor dem Jeder sich beuget!

MARGARETHEAch wär' er jetzt bei mir,

MARGARETHESäh' er so schön mich hier,

MARGARETHEKaum würd' er mich erkennen,

MARGARETHE"Holdes Fräulein" mich nennen!

MARGARETHEAh, wie so schön diese Pracht mich schmücket!

MARGARETHEBegierig bin ich nun zu seh'n,

MARGARETHEWie Kett' und Halsband mir wird steh'n.

Legt das Armband an und steht auf

MARGARETHEGott! Es ist als ob eine schwere Last mich drücket!

MARGARETHEAh! - Ha, welch ein Glück mich zu sehen etc. etc.

MARGARETHESIEBENTE SZENE

MARGARETHEMarthe. Margarethe

SYSTEMNr. 15 - Rezitativ

MARTHEdurch die Pforte

MARTHEHerr, mein Gott, was seh' ich!

MARTHEMein Engel, kaum erkenn' ich dich!

MARTHEWoher der reiche Schmuck?

MARGARETHEverlegen

MARGARETHEJe nun, ich fand ihn an der Tür' stehn.

MARTHEEuch gehört er, ja das könnt Ihr mir glauben,

MARTHENiemand kann ihn Euch rauben.

MARTHEAch, mein Mann, er war nie so galant.

MARTHEACHTE SZENE

MARTHEDie Vorigen. Faust. Mephisto

MEPHISTOmit tiefer Verbeugung

MEPHISTOFrau Martha Schwerdtlein, ist's erlaubt -

MARTHENun, wer ruft mich?

MEPHISTOEntschuldigt, dass so frei herein wir uns gewagt.

MEPHISTOZu Faust leise

MEPHISTODort seht, was vom Schmuck ich zuvor Euch gesagt.

MEPHISTOLaut

MEPHISTOFrau Marthe Schwerdtlein?

MARTHEJa, ich bin's.

MEPHISTOAch, es schmerzt, betrübt mich sehr,

MEPHISTOIch bring' Euch eine traurige Mär':

MEPHISTOEuer Gemahl, Madam,

MEPHISTOIst tot und lässt Euch grüssen.

MARTHEO mein Gott!

MARGARETHENun, was ist's?

MEPHISTONichts.

MARTHEO welch harter Schlag! O welch banger Tag!

MARGARETHEträgt das Kästchen fort

MARGARETHEAch ich bebe und zag',

MARGARETHEDiesen Schmuck werd' ich büssen!

FAUSTO wie gerne läg' ich zu ihren Füssen!

MEPHISTOEuer Mann ist tot, Madam,

MEPHISTOUnd lässt Euch grüssen!

MARTHEUnd bringt Ihr von ihm kein Geschenk?

MEPHISTONichts! Ich an Eurem Platz

MEPHISTOSucht', um ihn zu strafen,

MEPHISTOMir einen andern Schatz.

FAUSTzu Gretchen

FAUSTWarum legst du ab diese Zier?

MARGARETHEDieser Schmuck, er gehört nicht mir,

MARGARETHEDrum lasst, o lasst, ich bitte!

MEPHISTOVerböt' es nicht alle Sitte,

MEPHISTOIch würde wahrlich wagen

MEPHISTOMich selber anzutragen.

MARTHESo sprecht nur fort! -

MEPHISTOO weh', sie nimmt mich gar beim Wort!

MEPHISTOMarthe und Mephisto sprechen leise

SYSTEMNr. 16 - Quartett

FAUSTzu Gretchen

FAUSTBitte, o nehmt meinen Arm!

MARGARETHEablehnend

MARGARETHEO lasst, ich Euch beschwöre!

MEPHISTOzu Marthe

MEPHISTOEuren Arm!

MARTHEbei Seite

MARTHEEr ist galant!

MEPHISTObei Seite

MEPHISTODie Nachbarin hat ganz ihr Herz mir zugewandt.

MARGARETHELasst, ich Euch beschwöre!

MARTHEJa, ich gern Euch höre!

FAUSTLiebe ich dir schwöre.

MEPHISTOJa, auf meine Ehre!

MEPHISTOMargarethe reicht Faust den Arm, sie gehen in's Bosquet. Marthe und Mephisto bleiben allein.

MARTHEUnd Ihr, mein Herr, reist also stets?

MEPHISTOWohl lange ist es schon, dass ich so es treib',

MEPHISTOBin allein, hab' nicht Kind, nicht Weib!

MARTHEIst man noch jung und flink, dann geht's,

MARTHESpäter doch es gar zu traurig ist,

MARTHEAllein zu stehn als Egoist.

MEPHISTOIch auch habe oft dies bedacht,

MEPHISTOMit Grausen sehe ich's vom Weiten.

MARTHEDrum beratet Euch bei Zeiten,

MARTHEMein werter Herr, nehmt Euch in Acht!

Beide spazierend ab. Margarethe und Faust kommen zurück

FAUSTUnd du, bist stets alleine?

MARGARETHEMein Bruder ist Soldat,

MARGARETHEMeine Mutter ist tot;

MARGARETHEDoch als noch lebte mein Schwesterlein,

MARGARETHEDa war ich nicht so ganz allein.

MARGARETHETeurer Engel, ihn nahm mir Gott!

MARGARETHEZog sie auf meinen Armen gross,

MARGARETHEHatt' dabei wohl manche Plage;

MARGARETHEDoch hätt' ich sie gerne alle Tage,

MARGARETHEHielt ich lebend das Kind im Schoss.

MARGARETHEIch trug und hätschelt' es alleine,

Es weint', war ich nicht da,

MARGARETHESo herzlich liebte mich die Kleine,

MARGARETHESie wusst', wie gut ich's mit ihr meine,

MARGARETHEMein Glück und Stolz war sie ja.

FAUSTJa gewiss, wenn sie dir glich,

FAUSTMusste sie ein Engel sein,

FAUSTJa, ein Engel gut und rein.

MARGARETHEIhr lacht mich aus!

MARGARETHENein, es kann nicht sein -

MARGARETHEUnd Ihr spottet mein

MARGARETHESo zum Zeitvertreibe.

MARGARETHEDrum nichts mehr hiervon,

MARGARETHEZu viel hört' ich schon,

MARGARETHEOb auch gern ich bleibe.

Mephisto und Martha kommen zurück

MARTHEKaum find' ich mich drein,

MARTHENein, Ihr spottet mein

MARTHESo zum Zeitvertreibe,

MARTHEKaum find' ich mich drein!

MARTHEWarum eilt Ihr schon

MARTHENun so schnell davon?

MARTHEHör' mich jetzt und bleibe!

FAUSTNein, ich liebe dich,

FAUSTGlaub', dass ernst ich's mein',

FAUSTLass gesagt dir's sein,

FAUSTDass nicht Scherz ich treibe,

FAUSTJa, Lieb' spricht allem Hohn,

FAUSTTrau' des Herzens Ton,

FAUSTO glaube, o vertraue und bleibe!

MEPHISTOJa, Ihr müsst verzeih'n,

MEPHISTODass ich geh' allein,

MEPHISTOUnd nicht länger bleibe.

MEPHISTOIst auch schön der Lohn,

MEPHISTODen ich trüg' davon,

MEPHISTOEs geht nicht, bei Leibe!

MEPHISTODass länger ich bleibe!

MEPHISTOEs beginnt zu dunkeln

MARGARETHEzu Faust

MARGARETHEDie Nacht bricht an, verlasset mich!

FAUSTGretchen umfassend

FAUSTSüss' Liebchen!

MARGARETHEsich los machend, eilt davon

MARGARETHELasset mich!

FAUSTO du Böse fliehest mich!

MEPHISTObei Seite

MEPHISTOGar zu zärtlich wird die Alte,

MEPHISTODrum hinweg!

MARTHEIch gern ihn hätte,

MARTHEJe nun! er ist fort - Mein Herr!

MEPHISTOJa -

MARTHELieber Herr!

MEPHISTOLauf hinter her!

MEPHISTOBah! Diese alte alte böse Sieben

MEPHISTOTät' selbst den Teufel lieben!

FAUSTMargarethe!

MARTHELieber Herr!

MEPHISTOGute Nacht!

MEPHISTOAb

MEPHISTONEUNTE SZENE

MEPHISTOMephisto versteckt. Marthe, dann Siebel

SYSTEMNr. 17 - Rezitativ

SIEBELfür sich

SIEBELImmer mutig, werd' ihr Alles sagen!

MARTHEEr ist's!

MARTHEFasst Siebels Hand

MEPHISTONein!

MARTHEMein Herr! Lieber Herr!

SIEBELWas gibt's?

MARTHESiebel ist's!

MEPHISTOJa!

MARTHEIn Gretchens Garten? was tut Euch plagen,

MARTHEWie könnt Ihr so spät herein Euch wagen?

MARTHEKommt nur hinaus, galanter Herr,

MARTHEKommt und sprechet nichts mehr!

SIEBELWie?

MARTHEIn's Gered' wollt Ihr sie bringen,

MARTHEDarum fort, nein, nimmer soll Euch das gelingen!

MARTHEFür sich

MARTHEWär' er schon fort?

MEPHISTObei Seite

MEPHISTONein!

SIEBELIch komme morgen

SIEBELMarthe und Siebel ab

SIEBELZEHNTE SZENE

MEPHISTOGut' Nacht, Ihr stört mich sehr!

MEPHISTOZeit war es, dass sie gingen,

MEPHISTODenn kosend kehrt unser Pärchen zurück.

MEPHISTOGanz wohl! Hüten wir uns, hier zu stören

MEPHISTOEin so zartes Stelldichein!

MEPHISTOO Nacht verbreite hier dein schattiges Reich -

MEPHISTOIhr Blumen all' verschwendet süssen Duft,

MEPHISTOMit heisser Wollust tränkt die Luft,

MEPHISTODen Zweifel stillt - wohin sie immer trete,

MEPHISTOErfüllt mit Liebessehnen Margarethe!

Er entfernt sich und verschwindet im Hintergrunde

SYSTEMELFTE SZENE

MEPHISTOMargarethe. Faust

SYSTEMNr. 18 - Duo

MARGARETHEeilt nach dem Pavillon

MARGARETHEEs ist schon spät, lebt wohl!

FAUSThält sie auf der Stufe zurück

FAUSTO eile nicht! o bleib, o bleib!

FAUSTLeg' deine Hand hier in die meine,

FAUSTLasse mich in dein holdes Antlitz schauen!

FAUSTO trau' der Liebe Macht,

FAUSTLass Seel' in Seel' uns drängen,

FAUSTVoll Vertrauen, in stiller Mondesnacht!

MARGARETHESüsse Lust, innige Lust.

MARGARETHEFühl' ich sanft sich regen,

MARGARETHEWonne füllt meine Brust!

MARGARETHESeine Worte mich tief bewegen,

MARGARETHEIch fühl es Lieb'-bewusst!

MARGARETHELasst einmal seh'n, erlaubet -

MARGARETHEBückt sich und pflückt eine Sternblume

FAUSTWas soll das?

MARGARETHEEin einfach Spiel!

MARGARETHEO sprechet jetzt nicht viel.

MARGARETHEPflückt die Blätter ab

FAUSTDarf ich dein Flüstern nicht verstehen?

MARGARETHEEr liebt mich - er liebt mich nicht,

MARGARETHEEr liebt mich - nicht, er liebt mich, nicht -

MARGARETHEEr liebt mich! -

FAUSTJa, glaub' ihm ganz, du holdes Himmels-Angesicht!

Er umarmt sie

FAUSTDas Blumenwort sei Götter-Ausspruch, Kind, für dich!

FAUSTEr liebt dich! Begreifst du ganz dies mächt'ge süsse Wort?

FAUSTEs heisst, heisst fort und fort

FAUSTSich hinzugeben ohne Ende,

FAUSTIn voller Wonne ewiglich kein Ende!

FAUSTNein, o nein, ohne Ende!

FAUSTO Mondenschein, der uns umhüllt

FAUSTSelig beisammen,

FAUSTAll' unser Bangen stillt,

FAUSTGanz uns erfüllt mit Liebesflammen!

MARGARETHEIch liebe dich so inniglich,

MARGARETHEBin ganz die Deine,

MARGARETHEGeliebter, du der Meine,

MARGARETHEO lass mich!

FAUSTO verweile!

MARGARETHEFlieht, o flieht!

FAUSTTrennung!

MARGARETHEAch ich wanke!

FAUSTIch kann's nicht fassen!

MARGARETHELasset mich!

FAUSTNein unmöglich!

MARGARETHEFlieht, o flieht, lasset mich!

MARGARETHEReisst sich aus seiner Umarmung los

FAUSTMich zu trennen von dir!

MARGARETHEO treib' nicht länger Scherz,

MARGARETHEO brich das Herz nicht Margarethen,

MARGARETHEO flieh! ich zittre, o flieh!

FAUSTSieh meinen Schmerz,

FAUSTDu brichst mir das Herz!

FAUSTMargarethe, hör' mein Flehen,

FAUSTMargarethe, du brichst mir das Herz,

FAUSTSieh meinen Schmerz!

MARGARETHEAuf mein Flehen höre,

MARGARETHETreib nicht länger Scherz.

MARGARETHEO brich das Herz nicht Margarethen,

MARGARETHEBei Allem, was mein Herz gestand,

MARGARETHENicht treibe Scherz!

MARGARETHEFällt ihm zu Füssen

FAUSTMargarethe!

FAUSTNein, nimmermehr, ich kann's nicht fassen,

FAUSTSieh meinen Schmerz,

FAUSTAch du brichst mir das Herz!

FAUSTNach einer Pause sie aufhebend

FAUSTDie Macht der Unschuld siegt,

FAUSTJa, keusche Liebe

FAUSTStillt heisse Triebe,

FAUSTMein Woll'n beschämt sich vor dir neigt.

FAUSTJa ich geh', morgen dein!

MARGARETHEEh' der Tag noch erwachet, ganz früh - und stets!

FAUSTGlücklich noch mache ein Wort mich,

FAUSTEh' ich scheide, o Teure!

eilt nach dem Pavillon und wirft ihm einen Kuss zu

MARGARETHEMein Gruss!

MARGARETHEAb in den Pavillon

FAUSTBeseligende Lust! Fort, hinweg!

FAUSTWill ab, Mephisto tritt ihm entgegen

SYSTEMZWÖLFTE SZENE

FAUSTFaust. Mephisto

MEPHISTODie hat ihn berückt!

FAUSTDu hast uns belauscht?

MEPHISTODies mein Amt!

MEPHISTODoch Ihr verdient, was sicher ist,

MEPHISTODass man Euch in die Lehre schickt.

FAUSTFort, hinweg!

MEPHISTOVerweilt doch ein Augenblickchen noch,

MEPHISTOWas zu den Sternen spricht Euer Liebchen, das hört doch!

MEPHISTOSieh da, ihr Fenster öffnet sich! -

Faust tritt auf die Treppe des Pavillons, von Margaretha ungesehen

MEPHISTODREIZEHNTE SZENE

MEPHISTODie Vorigen. Margarethe

öffnet das Pavillonfenster und stützt den Kopf auf die Hand

MARGARETHEEr liebt mich, er liebt mich,

MARGARETHEEr, den mein Herz erkor!

MARGARETHEEs kos't der Zephyr, es schlägt die Nachtigall,

MARGARETHEDer Mondnacht Stimmen flüstern all,

MARGARETHESie sagen im tausendstimmigen Chor:

MARGARETHEEr liebt dich!

MARGARETHEAch wie es mich erfasset!

MARGARETHEO selig sein mich lasset,

MARGARETHEIhr Sterne dort mit strahlendem Blick,

MARGARETHEDie ihr mich schaut, versteht ihr mein Glück!

MARGARETHEGeliebter komm! kehr' bald zurück!

FAUSTeilt an's Fenster und ergreift ihre Hand

FAUSTMargarethe!

MARGARETHEschrickt einen Augenblick zurück, dann sinkt ihr Kopf an Faust's Schulter

MARGARETHEAch!

MEPHISTOverlässt mit höhnischem Gelächter den Garten

MEPHISTOHa ha ha ha!

MEPHISTOVorhang fällt schnell

SYSTEMVIERTER AKT

MEPHISTOERSTE SZENE

MEPHISTOMargarethen's Zimmer

MARGARETHEAch, endlich sind sie fort,

MARGARETHEIch lachte ja mit ihnen einstmals auch,

MARGARETHEAch und jetzt ....!

hinter der Szene

CHOR JUNGER MÄDCHENDen Freier halte fest,

CHOR JUNGER MÄDCHENSonst eilt er schnell hinweg! Haha! Haha!

SYSTEMNr. 19 - Elegie

MARGARETHEDie blieben noch, mich zu beschämen;

Sonst tat ich wohl so gross und blickt' so scheel,

MARGARETHEJa einst, wenn trat ein armes Mädchen fehl.

MARGARETHEAch, und nun muss ich geduldig Schand' und Spott hinnehmen!

MARGARETHEWeh, mich selbst es zu der Sünde trieb! -

MARGARETHEUnd doch, ich kann's beschwören,

MARGARETHEDass Alles, was mich tat betören,

MARGARETHEAch, war so gut, ach, war so lieb!

MARGARETHEEr kommt nicht zurück,

MARGARETHEDie Zeit währt so lange,

MARGARETHEDahin ist mein Glück!

MARGARETHEIch zittre und bange!

MARGARETHEWo mag er nur weilen?

MARGARETHEAch möcht' er doch eilen,

MARGARETHEAm Fenster ich lieg',

MARGARETHEHinaus späht mein Blick,

MARGARETHEEr kommt nicht zurück!

MARGARETHELaut möcht' ich klagen,

MARGARETHEUnd darf's doch nicht sagen,

MARGARETHEWie schwer es mich drückt!

MARGARETHESüss wär' es zu teilen,

MARGARETHEMit ihm Schmerz und Glück!

MARGARETHEWo mag er nur weilen?

MARGARETHEEr kommt nicht zurück!

MARGARETHENah kann ich ihn wähnen,

MARGARETHEIch hör' seinen Tritt,

MARGARETHEMag länger nicht sehnen,

MARGARETHEAch käm' er zurück!

MARGARETHEAn sein Herz will ich eilen,

MARGARETHEDie Liebe soll heilen

MARGARETHEAlle Not! Doch, ach!

MARGARETHEWo mag er nur weilen?

MARGARETHEEr kommt nicht zurück!

MARGARETHEZWEITE SZENE

MARGARETHESiebel. Margarethe

SYSTEMNr. 20 - Rezitativ

SIEBELMargarethe!

MARGARETHESiebel!

SIEBELIhr trauert noch!

MARGARETHEO Gott, und Ihr erbarmt Euch meiner doch!

SIEBELJa, ich bin nur ein Knab',

SIEBELDoch fühl' ich Manneskraft im Herzen,

SIEBELIch kann die Schmach nicht leicht verschmerzen,

SIEBELGelob' Rache ihm! ich werd' ihn töten.

MARGARETHESprecht, wen?

SIEBELMuss ich ihn Euch nennen,

SIEBELDer Euch so schwer verriet?

MARGARETHEO haltet ein!

SIEBELIch seh', Ihr denkt noch immer sein!

MARGARETHEJa stets! Ich warte und hoffe auf ihn noch immer,

MARGARETHEMein Herz verrät mir, nein, er vergisst mich nimmer!

MARGARETHEDoch ach! der tückische Geselle,

MARGARETHEDen er stets bei sich hat,

MARGARETHEDer ihm folgt von Stell' zu Stelle,

MARGARETHEEr, der so spöttisch schaut,

MARGARETHEAls wüsst' er nicht, was Liebe heisst!

MARGARETHEEr, der ihn in's Verderben reisst,

MARGARETHEEr sagte ihm, mich zu verlassen.

MARGARETHENah bei der Wiege uns'res Kindes,

MARGARETHEWir glücklich kosend Beide sassen,

MARGARETHEDa sieht er den Gefährten plötzlich dort,

MARGARETHEUnd schnell erhebt er sich und eilet mit ihm fort.

MARGARETHESeitdem kam er nicht mehr, ich sitz' und weine

MARGARETHEUnd wache Tag und Nacht und denk' an ihn alleine.

MARGARETHEEr kommt nicht zurück!

MARGARETHEDoch solltet, Siebel, Ihr ja nicht vernehmen meine Klag',

MARGARETHEIch weiss es, Euer Ohr davon nichts hören mag.

MARGARETHEIhr rührt mich tief, mein Freund,

MARGARETHEJa, meinen Tränen glaubet,

MARGARETHEEin letzter einz'ger Trost

MARGARETHEIst mir noch nicht geraubet:

MARGARETHEIch eile zu der Kirche heil'gen Mauern hin,

MARGARETHEDen Himmel anzufleh'n für mein Kind und ihn!

MARGARETHEAb

MARGARETHEDRITTE SZENE

MARGARETHESiebel. Marthe kommt eilig

SIEBELMartha!

MARTHENun Gott sei Dank, Ihr seid's!

MARTHEUnd Margarethe, das arme Ding -

MARTHEIhr Bruder kam zurück!

SIEBELO Gott, Valentin!

MARTHEHört Ihr sie, ja sie sind's! Kommt jetzt mit!

MARTHEO Siebel, rettet sie, und wendet ihr Geschick!

MARTHEBeide ab

MARTHEVIERTE SZENE

MARTHEVerwandlung. Strasse; rechts Margarethens Haus, links eine Kirche.

MARTHEValentin. Soldaten, dann Siebel

SYSTEMNr. 21 - Fanfare und Chor

CHORLegt die Waffen nieder!

Der Heimat Flur lacht uns auf's Neu'

CHORNach Kriegsbeschwer,

CHORJa, Freunde seh'n uns wieder,

CHORUnd Mutter, Weib und Braut,

CHORFreut euch und weint nicht mehr!

VALENTINHa, potz Blitz! Siebel ist's!

SIEBELverlegen

SIEBELJa wirklich, ich ...

VALENTINO komm an meine Brust!

VALENTINDoch Margarethe?

SIEBELIn der Kirche, so glaub' ich.

VALENTINJa, dort fleht sie für mich, teure Schwester!

VALENTINWie überrascht wird sie sein,

VALENTINWenn ich plötzlich vor sie trete.

VALENTINSie zu seh'n, o welche Lust!

CHORJa, nach dem Kampf ist es ein Segen,

CHORRuhe von Gefahr am friedlich stillen Herd;

CHORManches Herz wird laut sich regen,

CHORWenn man von unsern Taten hört!

CHORHoch Ruhm und Ehre!

CHORGebt Alles d'rum!

CHORNiemand mir wehre

CHOREhr' und Ruhm!

CHORGern ich entbehre

CHORBesitz und Ruh';

CHORFürs Vaterland kämpft,

CHORDer Sieg winkt euch zu!

CHORFrisch ins Aug' dem Feind schaut,

CHORSetzt das Leben ein,

CHORKühn euch dem Schicksal vertraut,

CHORWollt ihr Sieger sein!

CHORStolz euer Land

CHORAuf euch baut,

CHORDen Degen zur Hand,

CHORVollbringt kühne Tat!

CHORNach der Heimat geht es jetzt zurück,

CHORDer Krieg ist aus, der Friede lebe!

CHORGram wird gestillt, wir bringen Glück,

CHORDas Vaterland ruft uns zurück!

CHORDer Liebe Lust uns nun umgebe,

CHORUnd manches Mägdlein jung und gut

CHORGewinnt sich bald des Kriegers Mut!

CHORDrum vorwärts frisch, frisch auf Soldaten!

CHORDen Degen zur Hand!

CHORHoch Ruhm und Ehre etc.

CHORChor ab

CHORFÜNFTE SZENE

CHORValentin. Siebel

SYSTEMNr. 22 - Rezitativ

VALENTINNun Siebel, kommt, ins Haus kommt nun mit mir,

VALENTINDas Glas in der Hand sollt Ihr Bescheid mir tun!

SIEBELNein, weile noch -

VALENTINWarum? Meide nicht meinen Blick!

VALENTINDu weichst mir aus. - Mein Freund, was soll das sein?

SIEBELJe nun - Nein, ich beb' zurück!

VALENTINWas zögerst du?

SIEBELHalt ein! Sei milde, Valentin -

VALENTINLasse mich, lasse mich!

SIEBELVerzeihe ihr!

SIEBELMein Gott, zu dir fleh' ich,

SIEBELErbarme ihrer dich!

SIEBELBeide ab

SIEBELSECHSTE SZENE

SIEBELFaust. Mephisto eine Zither unterm Mantel

MEPHISTONun, nicht länger zögert hier,

MEPHISTOSchnell treten wir hinein!

FAUSTVerruchter, schweig!

FAUSTDurch dich werd' ich, so ahnet mir,

FAUSTDer Schmach und Schand' sie weih'n.

MEPHISTODoch warum sie verlassen

MEPHISTOUnd jetzt sie wiederseh'n?

MEPHISTOEin ander Fest, däucht mir, erwartet uns,

MEPHISTOZum Sabbath lasst uns geh'n!

FAUSTMargarethe!

MEPHISTOMein Raten all' wird unnütz sein,

MEPHISTODer Liebe werdet Ihr Euch wieder weih'n;

MEPHISTODoch nun zu öffnen Euch die Pforte

MEPHISTOBedarf es meiner ausgewählten Worte!

MEPHISTOEr singt, begleitend sich mit der Zither

SYSTEMNr. 23 - Serenade

MEPHISTOScheinst zu schlafen du im Stübchen,

MEPHISTOHöre mich doch an,

MEPHISTOO mein reizend holdes Liebchen,

MEPHISTOEs singt dein Galan!

Flüstert dir gar süsse Worte,

MEPHISTOGlaube, Herz, daran! Hahahaha!

MEPHISTOOeffne, holdes Kind, die Pforte

MEPHISTONur dem Freiersmann!

FAUSTZum Teufel, schweige!

MEPHISTOAch, du spottest meiner Klagen,

MEPHISTOSchmerzlicher Verdruss!

MEPHISTOWillst dem Liebsten du versagen

MEPHISTOEinen süssen Kuss?

MEPHISTOLiebesworte sollst du hören,

MEPHISTOGlaube, Herz, daran, hahahaha!

MEPHISTOSollst ein Küsschen nur gewähren

MEPHISTODeinem Freiersmann! Hahahaha!

MEPHISTOValentin tritt aus dem Hause

MEPHISTOSIEBENTE SZENE

MEPHISTODie Vorigen. Valentin

SYSTEMNr. 24 - Trio

VALENTINIhr sollt mir Rede steh'n!

MEPHISTOVerzeiht, mein Kamerade,

MEPHISTOVerzeiht, jedoch für Euch

MEPHISTOWar nicht bestimmt die Serenade.

VALENTINzerschlägt mit seinem Schwert die Zither.

Meine Schwester nimmt Euch besser

VALENTINAls ihr Bruder auf, das sieht man klar!

FAUSTIhr Bruder!

MEPHISTOHa, potz Element!

MEPHISTOWas hat Euch getan mein Instrument?

VALENTINGenug, genug! Des Schimpfes jetzt nicht mehr;

VALENTINIm Blut die Schmach zu tilgen zaudr' ich nicht,

VALENTINDer mich betrog, wo ist der Wicht?

VALENTINHa, zeigt ihn mir, den Schänder meiner Ehr'! -

MEPHISTONun, wenn Ihr's wollt,

MEPHISTODrauf los, Herr Doktor, zur Wehr!

MEPHISTOSie ziehen die Schwerter

FAUSTbei Seite

FAUSTMir schwindet aller Muth!

FAUSTIch fürchte seine Rache:

FAUSTVergiess' ich nicht sein Blut

FAUSTIn ungerechter Sache?

VALENTINNimm mich in deine Hut,

VALENTINO Himmel, für mich wache;

VALENTINJa, die Schuld wäscht nur sein Blut,

VALENTINJa, doppelt stark mich mache!

MEPHISTOHa, er bebt vor Grimm und Mut,

MEPHISTOIch seines Zornes lache;

MEPHISTOVoll Hohn des Kampfes Wut

MEPHISTOIch bald ein Ende mache.

VALENTINMadonnenbild, mein Schirm und Hort,

VALENTINEinst mir geschenkt von Margarethen,

VALENTINDu bist entweiht durch ihre Hand,

VALENTINDu bist entweiht durch ihre Schand'!

VALENTINIch kann hinfort nicht länger zu dir beten.

VALENTINEr schleudert die Medaille auf den Boden

MEPHISTObei Seite

MEPHISTODas wirst du schon bereuen!

FAUSTMir schwindet aller Mut etc.

VALENTINNimm mich in Deine Hut etc.

MEPHISTOEr bebt vor Grimm und Wuth etc.

VALENTINWohlan denn, vertheidige dich!

MEPHISTONur frisch, wie ich Euch führe.

MEPHISTOHierher, hart an mich an,

MEPHISTOHerr Doctor, ich parire!

MEPHISTOSie fechten, Valentin fällt

VALENTINAh!

MEPHISTODa liegt nun unser Held am Boden hingestreckt,

MEPHISTONun schnelle, eh' man uns entdeckt,

MEPHISTOIn's Weite!

MEPHISTOZieht Faust mit sich fort

MEPHISTOACHTE SZENE

MEPHISTOMarthe. Siebel. Valentin. Volk mit Fackeln, später Margarethe

SYSTEMNr. 25 - Ensemble

CHORSchnell hierher, Nachbarn kommt,

CHORMan schlägt sich in den Strassen,

CHORDa liegt schon Einer tot!

CHORGrosser Gott! seht nur her!

CHOREr scheint noch zu atmen,

CHORSie haben ihn verlassen,

CHORAuf, helfet schnell, denn sonst verblutet er.

VALENTINHabt Dank, habt Dank!

VALENTINIhr Weiber, lasst nur eure Klage,

VALENTINIch nach dem Leben nichts mehr frage;

VALENTINAch, zu oft hab' ich dem Tod in's Aug' gesehn!

MARGARETHEValentin!

MARGARETHESie sinkt neben ihrem Bruder hin

VALENTINMargarethe! Hinweg von mir, hinweg!

MARGARETHEWeh mir!

VALENTINFür sie ich sterbe, 's hat keine Noth,

VALENTINDes Buhlen Degen bracht' mir Tod!

CHORIhr Buhle bracht' ihm den Tod!

SIEBELSterbe verzeihend, denk' ihrer Noth!

MARGARETHEO Schmerz, so herbe, o helf mir Gott!

CHORIhr Buhle bracht' ihm den Tod, er stirbt!

VALENTINrichtet sich, von den Umstehenden unterstützt, auf

VALENTINLass unsern Herrgott aus dem Spass -

VALENTINIch sage dir nur das, weil bald ich vor den Richter trete;

VALENTINDrum hör' mich an jetzt, Margarethe,

VALENTINGeschehn ist leider nun geschehn,

VALENTINUnd wie es gehn soll, so wird's gehn.

VALENTINDer Sünde kannst du nicht mehr entweichen,

VALENTINDoch jetzt ist sie klar,

VALENTINDie Menschen werden schaudernd von dir weichen,

VALENTINDu bist ja aller Scham und Tugend bar!

VALENTINHa, du sollst's nicht wagen,

VALENTINDie blanke güldne Kette

VALENTINUnd Spitzenkrause noch zu tragen!

Margarethe nimmt die Kette vom Halse und schleudert sie von sich

VALENTINPfui! schäme dich, Margarethe,

VALENTINReue dir, Höllenpein,

VALENTINBis der Tod dich einst sucht!

VALENTINWill Gott dir einst verzeih'n ....

VALENTINWeil du lebst, sei verflucht!

CHORHöre auf, Gott nicht kränke,

CHORDeine Seele bedenke!

CHORO halte ein, o halte ein,

CHORUnd der Reu'

CHORDie letzte Stunde schenke,

CHORVerzeih',

CHORSoll auch dir einst vergeben sein!

VALENTINMargarethe!

VALENTINSei verflucht, bis dich erlöst der Todesschlaf,

VALENTINIch sterbe durch dich, doch als Soldat und brav!

VALENTINStirbt

CHORHerr, schenke seiner Seele Frieden!

CHORMan trägt ihn in's Haus; Siebel führt Margarethen hinweg

CHORNEUNTE SZENE

CHORVerwandlung. In der Kirche

CHORMargarethe. Unsichtbare Stimme. Chor

SYSTEMNr. 26 - Kirchen-Szene

MARGARETHEkommt und sinkt auf die Knie

MARGARETHEO Herr, so lasse hier niederknien Margarethen,

MARGARETHEWende dein Antlitz nicht von ihr!

UNSICHTBARE STIMMENein, keine Gnade dir! Nein, du sollst nicht beten,

UNSICHTBARE STIMMEGeister der Nacht umringt sie hier!

GEISTER-CHORMargarethe!

MARGARETHEWelche Stimme?

MARGARETHEIch erbebe, ich sterbe, die Angst ich nicht trag';

MARGARETHESo naht denn schon der jüngste Tag!

UNSICHTBARE STIMMEWeisst du noch, wie du einst am Altare hier standest,

UNSICHTBARE STIMMEGretchen, fühlst du es ganz?

UNSICHTBARE STIMMEAls du froh um die heit're Stirne dir wandest

UNSICHTBARE STIMMEDer Unschuld Blütenkranz?

UNSICHTBARE STIMMEKinderspiel halb und Gott halb im Herzen, du lalltest

UNSICHTBARE STIMMEDein fromm Gebetlein hin;

UNSICHTBARE STIMMEHa, dem Himmel mit Blut und Schande vergaltest!

UNSICHTBARE STIMMESprich, wo steht jetzt dein Sinn?

UNSICHTBARE STIMMERachegeister im erschreckenden Chor nun erwachen,

UNSICHTBARE STIMMEReue dir, Not und Pein!

UNSICHTBARE STIMMEDie Posaune ertönt, schau' des Abgrundes Rachen,

UNSICHTBARE STIMMEJa, die Hölle harret dein!

MARGARETHEGott! wie soll ich mich der Gedanken erwehren?

MARGARETHEDer Hölle Ton

MARGARETHEMuss ich stets hören;

MARGARETHEIch sterbe davon!

Wenn erscheint der Tag des Herrn,

CHORDann glänzt des Kreuzes Glaubensstern,

CHORIn alle Welten fern und fern!

MARGARETHEO weh! Nichts kann gleich meinen Qualen sein!

UNSICHTBARE STIMMENein! für dich giebt's kein Erbarmen mehr,

UNSICHTBARE STIMMEDie Welt für dich ist hoffnungsleer!

CHORLebt ich auch dem Herrn zu Nutz',

CHORBietet nichts Vergeltung Trutz!

CHORWo nur find' ich Schirm und Schutz?

MARGARETHEAch! der Gesang reisst mir das Herz entzwei!

MARGARETHEEs drängt mich aus den Pfeilern 'raus!

UNSICHTBARE STIMMEVorbei der Nächte Lust, der Liebe Schwelgerei!

UNSICHTBARE STIMMEFluch dir und Höllengraus!

MARGARETHEMein Gott!

CHORO habe mit uns Erbarmen,

CHORWir sind voller Not,

CHORWende dich nicht von uns Armen,

CHORSei gnädig, o Gott!

UNSICHTBARE STIMMEMargarethe, sei verdammt!

MARGARETHEWeh!

MARGARETHEMargarethe stösst einen Schrei aus und sinkt ohnmächtig zu Boden

SYSTEMFÜNFTER AKT

MARGARETHEERSTE SZENE

MARGARETHEIm Harzgebirge

SYSTEMNr. 27 - Walpurgisnacht-Szene

CHOR DER IRRLICHTERDie Brockenhexen, sie zieh'n, sie zieh'n

CHOR DER IRRLICHTERDurch gelbe Felder, durch Saaten grün;

CHOR DER IRRLICHTERBreit sind die Wege

CHOR DER IRRLICHTERUnd Volks vollauf,

CHOR DER IRRLICHTEREntlang die Stege

CHOR DER IRRLICHTERWälzt sich der Hauf!

CHOR DER IRRLICHTERHoho! hoho! Von nah und fern,

CHOR DER IRRLICHTERHerbei ihr Alle, wir seh'n euch gern,

CHOR DER IRRLICHTERFlackernde Lichter,

CHOR DER IRRLICHTERSchleichet herbei!

CHOR DER IRRLICHTERHöllengelichter,

CHOR DER IRRLICHTERHeut seid ihr frei!

CHOR DER IRRLICHTERFaust und Mephisto erscheinen auf einer Bergspitze

FAUSTVerweile!

MEPHISTOHast du vergessen schon,

MEPHISTOWas du mir versprachst, mir zu folgen!

FAUSTWo sind wir jetzt?

MEPHISTOAn meinem Thron!

MEPHISTODenn hier, mein Freund, beginnt mein Reich. -

MEPHISTOSo feiert denn Walpurgisnacht!

CHORWir feiern nun Walpurgisnacht!

CHORHuhu! huhu!

FAUSTMein Blut erstarrt!

FAUSTEr will entfliehen

MEPHISTOihn zurückhaltend

MEPHISTOIm Nu des Orients üpp'ge Pracht

MEPHISTOAuf meinen Wink dir nun entgegenlacht.

MEPHISTOZWEITE SZENE

MEPHISTOAuf Mephisto's Wink öffnen sich die Berge; man sieht einen prachtvollen Palast,

MEPHISTOKöniginnen und Frauen der Vorzeit beim Mahle

SYSTEMNr. 28 - Szene und Chor

CHORBis naht das erste Morgenrot,

CHORFern dem Aug' des Ungeweihten,

CHORSchau dem Feste zu,

CHORWo Zauber sich an Zauber reih'ten.

CHORAuf, den Becher füllet,

CHORAuf, füllt ihn bis zum Rand,

CHORJa, in Wollust hüllet

CHORUns der Liebe Band!

MEPHISTODer Schönheit Königinnen,

MEPHISTODer Vorzeit Fürstinnen,

MEPHISTOKleopatra voll Glanz

MEPHISTOUnd Laïs reich geschmückt,

MEPHISTOIn Zauber hüllt uns ganz

MEPHISTODurch Lieb' und Lust beglückt! -

MEPHISTOZu Faust

MEPHISTOFort mit des Herzens Sehnen,

MEPHISTOVon Fieberwahn frei,

MEPHISTOReicht Faust eine Schale

MEPHISTONimm froh die Schale und magst du wähnen,

MEPHISTOVergessen drin enthalten sei!

CHORAuf, den Becher füllet etc.

FAUSTdie Schale nehmend

FAUSTEitler Kummer, eitle Schmerzen,

FAUSTFort, nun fort aus meinem Herzen;

FAUSTFüllt den Becher bis zum Rand,

FAUSTEitler Kummer sei verbannt!

FAUSTTrinkt

FAUSTIn des Nektars weissen Schaum

SYSTEMNr. 29

FAUSTSenke ich die Seele mein,

FAUSTIn des Aethers weiten Raum

FAUSTJeden Schmerz und jede Pein!

FAUSTWeht Labung mir entgegen,

FAUSTDie heisse Stirne kühlt!

FAUSTJa, schon fühl' ich's neu sich regen,

FAUSTSinnenlust die Brust erfüllt!

CHORO süsser Nektar,

CHORAuf, bringt ihn dar!

MEPHISTOAus des Bechers weissem Schaum

MEPHISTOSchlürfe nun Vergessen ein!

CHORWeithin in des Aethers Raum

CHORFliehe Sorge, fliehe Pein!

FAUSTLass mich küssen, lass mich schauen,

FAUSTSterben lass in Wein mich hier,

FAUSTFlüchtig dem Genuss nun trauen,

FAUSTIhn erhaschen mit Begier.

FAUSTDer Sinne heisse Triebe

FAUSTEntflammet uns auf's neu!

FAUSTJa, im süssen Rausch der Liebe

FAUSTJeder Schmerz versenket sei!

CHORO süsse Lust!

CHORDie Schale entfällt Faust, er scheint einer fernen Stimme zu lauschen, der Name "Margarethe" enteilt seinen Lippen, seine Knie beben, er streckt seine Arme der unsichtbaren Erscheinung entgegen. Alles wird finster, die Frauen verschwinden

MEPHISTOBesiege nun, o üppige Lust,

MEPHISTOJedweden Drang der Reu' in seiner Brust!

MEPHISTODRITTE SZENE

Teilweise Verwandlung. Brockental. Faust erwacht aus seiner Betäubung; der Palast versinkt; Margarethe erscheint auf einer Bergspitze

MEPHISTOWas siehst du dort?

FAUSTAn jenem Ort -

Ja, sie blickt so stumm und bleich,

FAUSTSieht dem guten Gretchen gleich,

FAUSTUnd um den schönen Hals

FAUSTEin rotes Band sah ich gleichfalls!

FAUSTEin schmaler roter Schnitt,

Die Erscheinung Margarethens zieht langsam vorüber und verschwindet

FAUSTMargarethe, o nimm mich mit!

FAUSTIch muss zu ihr!

FAUSTDies fordr' ich von dir!

FAUSTVIERTE SZENE

FAUSTFaust zieht Mephisto mit sich fort, der sich mit gezogenem Degen einen Weg durch die Geister bahnt. Hexen kommen von allen Seiten, kochen und tanzen um siedende Kessel

HEXEN-CHOREins, zwei und drei,

HEXEN-CHORZählt nur bis zu dreizehn,

HEXEN-CHORBettler sind hier frei,

HEXEN-CHORBringt den Brei zum Steh'n!

HEXEN-CHORMag die Flamme rot und blau

HEXEN-CHORUm den Kessel lecken,

HEXEN-CHORGift und Molch ich gerne schau',

HEXEN-CHORHexenlust zu wecken.

HEXEN-CHOREins, zwei, drei, vier,

HEXEN-CHORFünf, sechs, sieb'n, acht,

HEXEN-CHORNeun, zehn, eilf, zwölf,

HEXEN-CHORDreizehn!

HEXEN-CHORFÜNFTE SZENE

HEXEN-CHORVerwandlung. Im Gefängnis. Margarethe schlafend. Faust. Mephisto

SYSTEMNr. 30

FAUSTGeh' jetzt!

MEPHISTODer Tag bricht an, man baut das Blutgerüst;

MEPHISTODrum eilet schnell, sonst müsst Ihr's schwer bereuen!

MEPHISTODer Wächter schläft, die Schlüssel nehmt,

MEPHISTOIhr müsst mit Menschenhand Euch selbst befreien.

FAUSTLasse mich!

MEPHISTOMacht schnell, ich wache vor der Tür.

MEPHISTOAb

MEPHISTOSECHSTE SZENE

MEPHISTOFaust. Margarethe

FAUSTWelch tiefer Jammer drückt mich nieder -

FAUSTAngst und Grauen packt mich,

FAUSTMan warf sie in den feuchten Kerker hier!

FAUSTSie ist es! Ja, ich muss sie hier in Ketten schauen,

FAUSTWie eine niedre Sünderin.

FAUSTArgloser Wahn soll so schwer sich rächen!

FAUSTIhr armes Kind, o Gott, ist tot,

FAUSTO Gott, durch ihr Verbrechen!

FAUSTMargarethe!

MARGARETHEerwachend

MARGARETHEAch, er ist's, er hat mich genannt,

MARGARETHEIch hab' des Freundes Stimme erkannt!

FAUSTMargarethe!

MARGARETHEDurch der bösen Geister grimmen Hohn

MARGARETHEDrang in mein Herz der lieben Stimme Ton!

FAUSTMargarethe!

MARGARETHEJa, seine Hand die meine drückt,

MARGARETHEIch bin frei, er ist da, ich bin hoch beglückt!

MARGARETHEDa ich dich jetzt umfange,

MARGARETHENicht mehr trüb' und bange

MARGARETHEIst des Kerkers Qual!

MARGARETHEIch dich endlich fand,

MARGARETHEAll' mein Leiden schwand,

MARGARETHEDu bist mein Glück, du bist mein All'!

FAUSTDa ich dich jetzt umfange etc. etc.

MARGARETHEO wart'! dass ich's ganz fasse,

MARGARETHEHier ist die Strasse,

MARGARETHEWo ich zuerst dich sah. -

MARGARETHEDu botest mir den Arm -

MARGARETHEErrötend stand ich da!

MARGARETHE"Mein schönes Fräulein, darf ich's wagen,

MARGARETHEMeinen Arm und Geleit Euch anzutragen?" -

MARGARETHE"Bin weder Fräulein, weder schön,

MARGARETHEKann ungeleitet nach Hause geh'n."

FAUSTJa, ich weiss es genau,

FAUSTDoch komm' mit, wir müssen eilen!

MARGARETHENein! ich bleibe, o verweile!

MARGARETHEO lass mich dich küssen,

MARGARETHEDu hast's ja sonst so gern getan!

FAUSTKomm, komm Margarethe!

MARGARETHENein!

FAUSTKomm, lass uns geh'n!

FAUSTWill sie fortführen

MARGARETHEBleibe, bleib', ich beschwöre dich!

FAUSTO Gott! sie hört nicht mein Fleh'n!

FAUSTSIEBENTE SZENE

FAUSTDie Vorigen. Mephisto

SYSTEMNr. 31 - Trio. Finale

MEPHISTOAuf, eilet! Schon naht sich der Morgen,

MEPHISTOFolgt Ihr mir nicht sogleich,

MEPHISTOSo lass' ich Euch im Stich!

MARGARETHEDer Böse!

MARGARETHESiehst du dort ihn sich erheben?

MARGARETHEEr stiert uns an! O schick' ihn fort!

MARGARETHEWas will der hier am heil'gen Ort?!

MEPHISTOAuf, rette ihr Leben, der Tag naht heran,

MEPHISTOMeine Pferde dort stehen,

MEPHISTODie Morgenluft weht schaudernd sie an!

MEPHISTOEr sucht Faust mit sich fortzuziehen

MARGARETHEO Gott, beschütze mich!

FAUSTKomm!

MARGARETHEO Gott, höre mein Flehen!

FAUSTLass uns flieh'n, es leuchtet schon der Morgen klar!

FAUSTO eile!

MARGARETHEsinkt auf die Knie

MARGARETHEEngel-Chor! Himmlische Schar,

MARGARETHEMeine Seele gnädig bewahr'!

MARGARETHEO Gott, schenke mir Erbarmen!

FAUSTGretchen, komm! nah ist Gefahr!

MEPHISTOFort, nur schnell!

FAUSTFolg' mir, o komm!

FAUSTMan hört Geräusch von aussen.

MEPHISTOMan nahet! Rette ihr Leben,

MEPHISTODer Tag naht heran, o eilt!

FAUSTFolg' mir, ich will's! Nah ist Gefahr,

FAUSTEs leuchtet schon der Morgen klar!

MEPHISTOSchon naht der Morgen sich klar!

MEPHISTOSo eile!

FAUSTO Gott!

MARGARETHEO Gott! schenke Erbarmen mir!

FAUSTMargarethe!

MARGARETHEWarum ist dein Blick so voll Wut?!

FAUSTMargarethe!

MARGARETHEsie stösst ihn von sich

MARGARETHEFort! es graut mir vor dir!

MARGARETHESie sinkt zusammen

FAUSTAch!

SYSTEMNr. 32

MEPHISTOGerichtet!

CHORGerettet!

CHORMan hört das Glockengeläute des Ostermorgens. Die Mauern öffnen sich und man sieht Margarethen von Engeln getragen aufwärts schweben. Faust sinkt nieder, Mephisto stürzt unter dem Schwerte des Erzengels nieder

CHORChrist ist erstanden

CHORAus Tod und Banden,

CHORHeil er und Fried' verheisst

CHOREuch beglückt. Ihr Welten, preist!