Faust

Gounod, Charles

Doktor Faust (Bariton)

Wagner, sein Famulus, dann Rektor (Bariton)

Ein schwarzgekleideter Mann,

Mönch,

Herold,

Hofkaplan,

Kurier,

Nachtwächter,

Mephistopheles (Tenor)

Der Herzog von Parma (Tenor)

Die Herzogin von Parma (Sopran)

Der Zeremonienmeister (Bass)

Des Mädchens Bruder, Soldat (Bariton)

Ein Leutnant (Tenor)

Drei Studenten aus Krakau (Tenor, Bass, Bass)

Theologe (Bass)

Jurist (Bass)

Naturgelehrter (Bariton)

STUDENTENGravis (Bass)

STUDENTENLevis (Bass)

STUDENTENAsmodus {Bariton)

STUDENTENBeelzebuth (Tenor)

STUDENTENMegäros (Tenor)

FÜNF GEISTERSTIMMENChor von Kirchengängern, Soldaten, Hofleute, Jäger, katholische und lutherische Studenten, Landleute

Symphonia (Ostervesper und Frühlingskeimen) – Der

Dichter an die Zuschauer – Vorspiel I – Vorspiel II –

Intermezzo (Kapelle im Münster) – Orchesterzwi-

schenspiel (Cortège) – Hauptspiel. 1. Bild: Der her-

zogliche Park zu Parma – Orchesterzwischenspiel

(Sarabande) – Zweites Bild: Schänke in Wittenberg –

Letztes Bild: Strasse in Wittenberg

Salomon und die Königin von Saba; Samson und Da-

lila; Johannes und Salome; Scharfrichter; Helena

SYMPHONIAOstervesper und Frühlingskeimen. Vor dem Vorhang.

an die Zuschauer

DER DICHTERVon Kind auf hat ein Stück mich hingerissen,

DER DICHTERdarin der Teufel was zu sagen hat,

DER DICHTERdes Kindes Ahnung wird, im Mann, zum Wissen,

DER DICHTERdoch hälfe Wissen nicht, würd' es nicht Tat;

DER DICHTERwürde nicht Regung in Bewusstsein fliessen,

DER DICHTERund in Anschauung dies, aus einer Saat:

DER DICHTEREs liegt im Kind, wie in des Keims Gewalten,

DER DICHTERder volle Trieb zum späteren Gestalten.

Die Bühne zeigt vom Leben die Gebärde,

Unechtheit steht auf ihrer Stirn geprägt;

DER DICHTERauf dass sie nicht zum Spiegel-Zerrbild werde,

DER DICHTERals Zauberspiegel wirk' sie schön und echt;

DER DICHTERgebt zu, dass sie das Wahre nur entwerte,

DER DICHTERdem Unglaubhaften wird sie erst gerecht:

DER DICHTERund wenn ihr sie, als Wirklichkeit, belachtet,

DER DICHTERzwingt sie zum Ernst, als reines Spiel betrachtet.

DER DICHTERIn dieser Form allein ruft sie nach Tönen,

DER DICHTERMusik steht dem Gemeinen abgewandt;

DER DICHTERihr Körper ist die Luft, ihr Klingen Sehnen,

DER DICHTERsie schwebt ... Das Wunder ist ihr Heimatland.

DER DICHTERDrum hielt ich Umschau unter allen jenen,

DER DICHTERdie mit dem Wunder wirkten, Hand in Hand:

DER DICHTEROb gut, ob böse, ob verdammt, ob selig,

DER DICHTERsie ziehn mich an mit Macht unwiderstehlich.

DER DICHTERVon dreien, die ich weiss, der Teufelsritter,

DER DICHTERward einer von dem Bösen selbst gezeugt;

DER DICHTERdie Jungfrau überfällt's wie ein Gewitter,

DER DICHTERaus ihrem Schoss darauf Merlin entsteigt;

DER DICHTERden dunklen Mächten späterhin entglitt er,

DER DICHTERwenn er sich vor dem Höheren gebeugt:

DER DICHTERAllwissenheit, vom Vater mitgegeben,

DER DICHTERer nützt sie aus zu einem Segensleben.

DER DICHTERBeim zweiten miss ich ganz die Widersprüche,

DER DICHTERals Einheit steht er da, ein Mann und echt,

DER DICHTERsein Wagmut steigt ins Ungeheuerliche

DER DICHTERund tausend Künste weiht er – dem Geschlecht,

DER DICHTERwo ist der Zwang, dem Don Giovanni wiche?

DER DICHTEREin solcher wär' als Held mir eben recht:

DER DICHTERdoch Meister Wolfgang ist's zu gut gelungen,

DER DICHTERfür immer hat er diesen Sang gesungen.

DER DICHTERDer dritte meiner Reih' ist nicht geringer,

DER DICHTERein trotz'ger Geist, ein Einzelner, auch er:

DER DICHTERein Tiefbelesener, ein Höllenzwinger,

DER DICHTERvieldeutiger zumal, und sonst auch mehr,

DER DICHTERein schwacher Mensch und doch ein starker Ringer.

DER DICHTERDen Zweifel tragen hin und wieder her:

DER DICHTERHerr des Gedankens, Diener dem Instinkt,

DER DICHTERdem das Erschöpfen keine Lösung bringt.

DER DICHTERDas End' ist Schrecken, doch sein Name steht,

DER DICHTERdie Chronik hält ihn, artet in Legende,

DER DICHTERdie Dichtung folgt, Unsterblichkeit umweht,

DER DICHTERund des Nachbildens, Schmückens ist kein Ende;

DER DICHTERals lebensähnlich die Gestalt ersteht,

DER DICHTERtäuschend bewegt durch unsichtbare Hände:

DER DICHTERdas Puppenspiel vom Faust zieht durch die Zeiten,

DER DICHTERErgriffenheit und Staunen zu bereiten.

DER DICHTERZu Frankfurt war's, am Tag, und vor den Toren,

DER DICHTERunter dem Volk ein Zaubrer fand sich ein;

DER DICHTERder griff entschlossen nach des Spiels Figuren,

DER DICHTERda schwand die Schau, als wär' sie Dunst und Schein.

DER DICHTERGemächlich erst, und in den alten Spuren,

DER DICHTERhaucht er den Sinn des Lebens ihnen ein:

DER DICHTERsie wachsen fort, ins Mystische gelenkt,

DER DICHTERzu Höchst geschleudert und zu Tiefst versenkt.

DER DICHTERUnd mit dem letzten Spruch von hinnen reist er.

Der Rätselbau zeigt jegliche Gestalt;

DER DICHTERvon allen Seiten zieht er an die Geister,

DER DICHTERer ist die Form für jeglichen Gehalt.

DER DICHTERDoch was vermöcht', gen Zauberer, ein Meister!

DER DICHTERDes Menschen Lied am Göttlichen verschallt:

DER DICHTERalso belehrt erkannt' ich meine Ziele

DER DICHTERund wandte mich zurück – zum Puppenspiele.

DER DICHTERBesah mir nah die schlicht geformten Bilder,

DER DICHTERdie waren schöner jetzt, durch höheres Alter;

DER DICHTERich firnisste, hantierte als Vergülder –

es wirkt die Zeit nicht minder als Zerspalter

DER DICHTERich schärfte Eines, Andres strich ich milder,

DER DICHTERund aus der Larve flog herauf ein Falter:

DER DICHTERins Altgewebte flocht ich neue Maschen,

DER DICHTERvergess'nes Muster wird euch überraschen.

DER DICHTERSo stellt mein Spiel sich wohl lebendig dar,

DER DICHTERdoch bleibt sein Puppenursprung offenbar.

SYSTEMVORSPIEL I

Wittenberg. Vormittags. Studierzimmer. Hoher gotischer Raum, halb Bibliothek und halb alchemistische Küche, der sich in undeutliche Tiefe verliert; etwas verwittert. Faust, am Herde, mit der Beobachtung eines werdenden chemischen Vorganges beschäftigt und völlig darin vertieft. Nach kurzer Stille tritt Wagner ein

WAGNEREuerer Magnifizenz Verzeihung ...

Da Faust keine Antwort gibt, verbleibt Wagner in respektvoller Erwartung

WAGNEREuerer Magnifizenz Verzeihung: allein, es melden sich drei Studenten.

FAUSTIhr Wunsch?

WAGNERSie wollen ein Buch überreichen –.

FAUSTWagner, wahrhaftig! Ich mag so nicht weiter. Das Leben rollt rascher und – nicht mehr aufwärts. Nicht darf ich so breite Zeit an andre wenden. Und dem hilft doch kein Rat, der sich nicht selber besinnt! – Macht mich bei ihnen entschuldigt.

WAGNEREuerer Magnifizenz Verzeihung. Es ist keine Arbeit diesmal, die man von Ihnen heischt. Das Buch mag sein eine seltene Handschrift, denn es trägt einen sonderlichen Titel: Clavis Astartis Magica ...

in höchster Überraschung

FAUSTClavis Astartis –? Irrt Ihr Euch nicht? Wollt Ihr mich

FAUSTgar nasführen! Fangt Ihr Grillen? Seht Ihr Geister?

WAGNERNein, nein, ich kann Magnifizenz versichern.

mit einfachem Entschluss

FAUSTAlso lasst die Studenten ein.

Wagner ab

FAUSTFaust, Faust, nun erfüllt sich dein Augenblick! Die Zaubermacht in meine Hand gegeben, die ungeheueren Zeichen mir erschlossen, heimliche Gewalten mir geknechtet, und ich kann – ja, ich kann – o, ihr Menschen, die ihr mich gepeinigt. Hütet euch vor Faust! In seine Hand die Macht gegeben, heimliche Gewalt ihm zu Gebot, er wird euch zwingen, euch bezwingen. Wehe, wehe über euch!

Er lässt den Kopf sinken. ...

FAUSTWenn Wagner dennoch irrte ... vielleicht zum Heile ...?

Faust seufzt tief

tritt ein

WAGNEREuere Magnifizenz, die Studenten sind hier.

gefasst

FAUSTSie sollen kommen.

Wagner gibt ein Zeichen nach der Tür hin. Es treten auf drei schwarzgekleidete Studenten

FAUSTWer seid ihr?

DIE DREIStudenten aus Krakau.

FAUSTO, mein altes, mein teures Krakau! Eure Gestalten rufen die Jugend mir zurück. Träume! Pläne! Wieviel hatt' ich gehofft! – Seid willkommen.

FAUSTDie Studenten verneigen sich zu dritt

FAUSTUnd was führt euch zu mir?

DER ERSTEDieses Buch leg' ich in Eure Hand.

Faust unterdrückt eine Bewegung des Ungestüms

DER ZWEITEVon mir erhaltet Ihr den Schlüssel.

DER DRITTEDiese Briefschaft macht es zu Euerem Eigentum.

FAUSTWie kommt ein solches Geschenk mir zu?

DIE DREIDu bist der Meister!

FAUSTAlso darf ich es eignen?

DIE DREIEs ist deines.

FAUSTUnd wie soll ich euch dieses vergelten?

DIE DREISpäter. Leb' wohl, Faust.

FAUSTVerweilet, bleibet meine Gäste!

DIE DREILeb' wohl, Faust.

FAUSTSo saget, dass ich euch wiederseh.

DIE DREIVielleicht. Leb' wohl, Faust.

Sie gehen ab

sieht ihnen kopfschüttelnd nach

FAUSTSonderlinge!

Wagner tritt wieder ein

FAUSTHabt Ihr den Studenten begegnet? Und wollt Ihr nicht sie geleiten?

WAGNEREuere Magnifizenz, ich begegnete keinem.

FAUSTSoeben gingen sie.

WAGNERIch sah niemanden.

FAUSTIhr habt sie versäumt. Ach, nun weiss ich, wer sie gewesen.

Der Metallbrei auf dem Herd überkocht mit lautem

Geprassel. Wagner eilt geschäftig hinzu

SYSTEMVORSPIEL II

Der nämliche Raum um die Mitternacht

Die Sanduhr zeigt die Mitternacht: ich darf beginnen. Rätselvolles Geschenk, nun sollst du dich bewähren.

Faust entschliesst sich und schlägt das Buch des Astartis auf

FAUSTSo wäre dies die erste Handlung!

Er löst seinen Gürtel und bildet mit ihm einen Kreis auf dem Boden; tritt in den Kreis, den Schlüssel in der Hand

FAUSTLuzifer! Luzifer! Gefallener Engel, du, der Stolzeste, herbei!

Er hebt den Schlüssel, der erstrahlt

FAUSTLuzifer! Hierher zu mir!

Fahlgrünes Leuchten durchtanzt den Raum. Der Schlüssel erstrahlt mehr und mehr. Eine sichtliche Erregung überfällt Faust

CHORDein Begehr?

FAUSTEntsende mir deine Diener.

CHORDu willst?

FAUSTIch will.

CHORDu beharrst?

FAUSTJa, ich will!

CHORSie kommen! Sie kommen!

Die Studierlampe und der Schlüssel erlöschen.

Sechs Zungenflammen schweben im Raum

FAUSTWas tat ich!

Drückende Stille

FAUSTWie konnt' es alsobald gelingen? Darf ich mich weiter wagen?

Gedrückt

FAUSTIch sollte sie befragen, doch es ekelt mich davor, schon ihre Stimmen könnten mich töten.

CHORFrage, immerhin.

FAUSTWohlan. So sprich, du Erster, du Tiefster: gib deinen Namen.

FAUSTSag' an, wie sehr du geschwind bist.

ERSTE STIMMEWie der Sand in dem Uhrglas.

höhnisch

FAUSTWie der Sand in dem Uhrglas?

Heftig

FAUSTHinweg, kriechendes Wesen. Verlösche.

Die erste Flamme erlischt, für sich

FAUSTSie gehorchen.

Laut

FAUSTDer Zweite! Welcher bist du?

ZWEITE STIMMELevis. Ich bin geschwind wie das fallende Laub.

FAUSTDer Mensch fällt hurtiger als du: verschwinde.

Die zweite Flamme erlischt

bereits sicherer

FAUSTGib Rede, Dritter, gleich.den andren.

DRITTE STIMMEIch bin Asmodus. Ich eile wie der Bach, der sich vom Felsen stürzt: über Bergeskämme, durch die Felder sprudelnd, hin bis zum Ozean!

FAUSTEin Prahler bist du. Dich zieht es nur abwärts: fort mit dir! Fort!

Die dritte Flamme erlischt. Für sich

FAUSTMein Hoffen sinkt, ob auch mein Mut sich hebt. Offenbare dich, Vierter.

VIERTE STIMMEIch bin Fürst Beelzebuth.

VIERTE STIMMEIch schnelle wie die Kugel aus dem Rohre; genügt's dir?

CHORGenügt's dir?

FAUSTNein. Ein Spottfürst! Ist die Flinte nicht etwa Menschenwerk? Ist des Menschen Wunsch, ist denn nicht sein Traum höherzielend, weitertragend? Wie könntest du mir, Faust, genügen? Entweiche.

Die vierte Flamme erlischt

FAUST– und du, und du, Zweitletzter, nenn' dich, bezeichne dich, Fünfter!

FÜNFTE STIMMESchaue hier, Megäros –.

CHORSchaue hier, Megäros.

FÜNFTE STIMME- wie der Sturm behende.

FAUSTDas klingt nach Etwas, doch es erschöpft nicht. Ich blase, Sturm, dich aus: verwehe.

Die fünfte Flamme erlischt

höhnend

CHORÜh!

gebietend

FAUSTSchweiget!

tritt aus dem Kreise

FAUSTEin einzelner blieb. Ich zög're, die letzte Hoffnung zu zerstören: mir bangt vor der eklen Leere, die folgen muss. So wäre dies der ganze Höllenprunk! Wie steht doch eines Menschen Geist darüber. In ihm ist des Gottes Hauch. Wie ich euch verachte, die ihr hier gedämmert, und nun dunkelt, ihr Dünkelhaften! Ich kehre mich ab von euch. – Welchem Wahn gab ich mich hin! Arbeit, heilende Welle, in dir bade ich mich rein.

SECHSTE STIMMEFaust!

erregt

FAUSTWie hell flackert das Licht. Ist es von ihm aus, dass die Stimme ruft? Wie hoch züngelt es auf! Wirst auch nicht mehr vermögen, als die andren, o du lichtere Flamme. Ich mag nichts erfahren von dir.

SECHSTE STIMMEFaust!

FAUSTNoch einmal? Und dringender? So magst du reden.

SECHSTE STIMMEFaust, ich bin geschwind als wie des Menschen Gedanke.

betroffen

FAUSTAls wie des Menschen Gedanke!? Was will ich mehr? Konnt' ich so viel erhoffen? Was will ich mehr denn! Als dass Erfüllung schreite mit dem Wunsche; als dass die Tat zugleich ins Leben trete mit der Absicht! Dein Name?

FAUST»Mephistopheles?« So zeige dich in greifbarer Gestalt.

Mephistopheles tritt unbemerkt ein und verbleibt in

serviler Haltung. Er trägt ein anliegendes schwarzes

Gewand. – Faust, der noch die Flamme anstarrte,

erblickt ihn unerwartet und unterdrückt eine Regung

des Widerwillens

FAUSTWillst du mir dienen?

MEPHISTOPHELESFragt sich, in welcher Weise?

nach Sammlung ringend

FAUSTBeschaffe mir für meines Lebens Rest

FAUSTdie unbedingte Erfüllung jeden Wunsches,

FAUSTlass mich die Welt umfassen, – den Osten und den Süden, die mich rufen – lass mich des Menschen Tun vollauf begreifen und ungeahnt erweitern; Gib mir Genie, und gib mir auch sein Leiden, auf dass ich glücklich werde wie kein andrer.

Weiter, nur weiter, falls Ihr etwa nicht zu Ende wär't.

FAUSTO, lass mich die Welt umfassen, der Menschen Tun begreifen, es ungeahnt erweitern; gib mir Genie, gib

FAUSTmir auch sein Leiden.

MEPHISTOPHELESWas noch mehr?

FAUSTMache mich frei!

FAUSTSo dientest du mir recht, bis an die Erschöpfung,

FAUSThernach – Jetzt fordre du.

MEPHISTOPHELESHernach dienest du mir, fortab.

FAUSTIch dir dienen? Dir? In aller Zeiten Ewigkeit?! Ich – kann nicht. Ich kann – und will nicht. Mache dich fort.

kalt

MEPHISTOPHELESHöre, Faust. Draussen stehn die Gläubiger zuhauf; die du hast betrogen. Über dein Mädchen hast du Unglück gebracht: der Bruder trachtet dir nach dem Leben. Die Pfaffen, sie sind hinter dir her: sie wittern, und nicht mit

MEPHISTOPHELESUnrecht: der Scheiterhaufen wartet deiner!

FAUSTGenug, genug! Ich weiss!

MEPHISTOPHELESHehe! So seid ihr Menschen, die ihr unablässig einander aufreizt und jagt!

FAUSTLass den Gemeinplatz, spar deine Weisheit.

MEPHISTOPHELESKommt es einmal zum Letzten,

MEPHISTOPHELESdann sind meinesgleichen,

MEPHISTOPHELESdann bin ich geringerer Teufel,

MEPHISTOPHELESals Retter gefällig zur Stelle.

MEPHISTOPHELESHöre Faust: Ich gebe dir Reichtum und Macht,

MEPHISTOPHELESFreuden der Liebe, weitesten Ruhmesglanz, weltli-

MEPHISTOPHELESchen Ruhm. Offen sind dir die Herrlichkeiten dieser

MEPHISTOPHELESErde.

FAUSTEnde!

MEPHISTOPHELESUnd draussen drängen die Gläubiger, lauert der Bruder, wittern die Pfaffen, sie fordern, sie morden, sie brennen!

Lacht lautlos

FAUSTIch weiss, ich weiss! Ende!

MEPHISTOPHELESSo stehn die Dinge. Wähle!

Verbeugt sich ironisch

ruhig

FAUSTSchlau wusstest du die Schlingen zu legen.

MEPHISTOPHELESSchlag' ein.

FAUSTNiemals!

Klopfen an der Tür

MEPHISTOPHELESDeine Schergen stehn dahinter. Ein Wort von dir, und sie sind nicht mehr!

Stärkeres Klopfen

dumpf

FAUSTTöte sie.

kalt

MEPHISTOPHELESEs ist geschehn.

Faust sinkt in einen Stuhl

MEPHISTOPHELESMöchtet Ihr das Übrige abwarten?

bezwungen

FAUSTKaum! – Ich geb mich dir. Aber jetzt – verlass mich.

lauernd

MEPHISTOPHELESNur noch ein Geringes.

heftig

FAUSTFort, fort, fort! Ich kann dich nicht ertragen!

kreuzt die Arme, abwartend

MEPHISTOPHELESDu musst es lernen.

CHORCredo in unum Deum. Patrem omnipotentem, creatorem coeli et terrae visibilium, omnium et invisibilium.

in schmerzhafter Anspannung

FAUSTWas verlangst du noch?

MEPHISTOPHELESEin kurzes Schreiben, mit deinem Blut gezeichnet, rot auf weiss.

FAUSTSo gib her.

MEPHISTOPHELESBrav.

FAUSTWo ist mein Wille, wo mein Stolz geblieben! Unseliger Faust, das Höllenwerk begann.

Tritt an das Fenster

FAUSTWie wird mir

Es wird Tag. Osterchor. Glocken

CHOREt resurrexit tertia die – secundum scripturam et ascendit in coelum, – sedet ad dextera Patris.

FAUSTOstertag! Da ziehen die Guten zum Münster. Oh, Tag meiner Kindheit!

MEPHISTOPHELESKehr' dich nicht an das Gesäusel.

MÄNNEREt iterum venturus est – cum gloria judicare vivos, – vivos et mortuos.

FAUSTDu, Faust, bist nun ein Toter. Ich werde gerichtet! Wer hilft mir?

Ein Rabe fliegt herbei, Feder im Schnabel, die

Mephistopheles ihm abnimmt

MEPHISTOPHELESEin Mann, Faust, du hast dein Wort zu halten: Vollziehe!

abwehrend

FAUSTNoch hat es Zeit. Fauch mich nicht an.

Verzweifelt

FAUSTEs gibt kein Erbarmen. Es gibt keine Seligkeit, keine Vergeltung, den Himmel nicht und nicht die Höllen-schrecken: dem Jenseits trotz' ich!

MEPHISTOPHELESTüchtig, tüchtig! Das nenn' ich fortgeschritten: nun seid Ihr eben auf der rechten Fährte!

zitternd, indem er Mephistopheles das unterschriebene Blatt entgegenstreckt

FAUSTHier – nach Schwinden meiner Frist – es wird sich zeigen – vielleicht unterliegst noch du – bin ich – nicht dein Herr –

Er fällt ohnmächtig nieder

CHORGloria in excelsis Deo et in terra pax.

Mephistopheles weidet sich eine Zeitlang an dem

Anblick seines Opfers – und entreisst ihm das Blatt

MEPHISTOPHELESGefangen!

Die Bühne wird stetig heller. Von dem Fenster her,

und wie durch alle Ritzen, fluten Morgensonnenstrahlen in das Gewölbe herein.

CHORAllelujah!

Vorhang.

SYSTEMZWISCHENSPIEL

Uralte romanische Kapelle im Münster. Kahle graue

Wände, Holzbänke, ein Kruzifix. Orgelspiel vom

Hauptschiffe her vernehmbar. Gretchens Bruder,

durchaus in Eisen gekleidet, ist (fast von hinten

anzusehen), knieend im Gebet

SOLDATENDu, der du nicht allein der Gott der Milde und der Gnade bist; zu Zeiten auch des Zornes, und der Rache, und der Schlachten, als der du mir bist vertrauter: erhöre mein Gebet! Ich hatte nichts auf der Welt, als mein Geschwister, nicht Eltern, noch Weib und nichts, das mir's ersetze. Man hat es mir genommen, hat es verdorben: Lass du den Mann mich finden und lass ihm Recht geschehn. Herr, der du nicht allein der Gott der Milde und der Gnade, erhöre mein Gebet!

Er versinkt im Gebet

Faust und Mephistopheles am Eingang

MEPHISTOPHELESDer Mann sinnt auf deinen Tod.

FAUSTRäum ihn aus dem Wege.

MEPHISTOPHELESAuf deine Rechnung.

FAUSTNein, ich will meine Hände rein wahren! Such ein andres.

MEPHISTOPHELESWenn er dich jetzt erkennt, kein andrer Ausweg, als dass du selbst ihn tötest.

FAUSTFind einen andren.

Der Soldat macht eine Bewegung

MEPHISTOPHELESAufgepasst!

gequält

FAUSTNicht ich, nicht ich –

MEPHISTOPHELESEr oder du.

FAUSTEr schleppt sein Leben in eitler Qual, ich bin ein Mann der Tat. –

MEPHISTOPHELESEinverstanden.

Faust und Mephistopheles ziehen sich eilig zurück

stöhnend

SOLDATENDen Mann, den Mann, den ich suche! Erbarmen!

Versinkt im Gebet

Mephistopheles als grauer Mönch tritt langsam auf

und kniet Seite an Seite des Soldaten nieder

MEPHISTOPHELESMöchtest du mir nicht beichten?

SOLDATENIch habe nicht an Bösem was getan.

MEPHISTOPHELESAber du hast welches vor.

SOLDATENIch habe vor, was Rechtens ist. Weisst du's, brauch ich zu beichten um so weniger.

MEPHISTOPHELESVielleicht wär's doch an der rechten Zeit!

SOLDATENGott ist bei mir. Du bist mir lästig.

MEPHISTOPHELESWer weiss, deine Stunde ist nicht weit.

SOLDATENTeufelsmönch, zeig deine Fratze! Ich bin ein offener Mann.

MEPHISTOPHELESDu wirst sie bald sehen.

SOLDATENHervor damit!

MEPHISTOPHELESGeduld, sieh lieber nach der Tür! Hurtig. Wehr dich!

Springt auf, Entfernte Trommeln und Trompeten

riumphierend

MEPHISTOPHELESMan rückt heran. Es sind ihrer sechs gegen Einen. Sticht dich nicht deine Rauflust? Meine Fratze? Da!

Er streckt ihm die Zunge. Mephistopheles schleicht

in einen Beichtstuhl. Der Soldat zieht entsetzt seinen

Degen und stellt sich mit dem Rücken gegen die

Wand. Es dämmert tief. An der Tür zeigt sich der

Leutnant, der eine Patrouille anführt

LEUTNANTDort! Seht ihn! Verkrochen in der Kirche, der unsern Hauptmann niederschlug von hinten: Gleiches mit Gleichem, haut den Mann zu Boden! Der Oberst wird's uns danken!

Sie kämpfen. Kurz darauf fällt der Soldat erschlagen

aus dem Beichtstuhl, mit gereckten Armen

MEPHISTOPHELESHier? Am heiligen Ort? Ihr seid des Teufels! Mürbe für die Hölle! Im übrigen: gut gemacht, und meinen Segen.

LEUTNANTDer Mönch ist toll. Lasst ihn laufen.

Die Soldaten ziehen ab

MEPHISTOPHELESMöcht euch wohl nicht anders raten. Ziehn wir die Rechnung: vorerst, Kirchenschändung; Bruder Soldat, mit einem Mordplan, ab; der weise Faust ladet's auf sein Gewissen: drei Ratten in einer Falle.

Ein Strahl des Mondes senkt sich auf den am Boden

hingestreckten Toten. Langsam fällt der Vorhang

SYSTEMHAUPTSPIEL

SYSTEMERSTES BILD

Der herzogliche Park zu Parma. Herren und Damen

des Hofes. Festlich gekleidete Landleute, voran Sack-pfeifer. – Jäger mit Hörnern, Falken, Hunde-Meute. – Fechtspielende Pagen. Kränzeschlingende Edelfräulein. Der Zeremonienmeister, von einem Fähnlein Leib-wachen und Trommlern gefolgt, tritt geschäftig auf; ordnet die Gruppen, macht sich wichtig und bemerkbar.

Die Landleute werden zurückgedrängt. Pagen und

Edelfräulein aufgestellt, allen – dem Range nach,

die Plätze angewiesen. Abwechselnd verschwindend

und wiederauftauchend, aufgeregt und autoritativ

zugleich, empfängt den Herzog und die Herzogin

CHORSie nahn! Der Fürst, die Fürstin! O schauet! O Pracht. Hoch das Paar! Heil dem Fürsten!

Das Herzogspaar tritt zu Pferde auf

meldet sich, mit Verbeugung, zur Ansprache

ZEREMONIENMEISTERNach dieser Feste rauschend bunter Reihe, wagt ich noch kaum auf Grösseres zu hoffen, der Abend kündet sich besonders an.

HERZOGWas ist denn Seltenes eingetroffen?

ZEREMONIENMEISTEREin höchst gewandter Mann. Kein andrer als der Doktor Faust.

CHORDoktor Faust! ich fürchte fast, dass ich mir viel getrau.

CHORWenn Ihr befehlt, will ich ihn präsentieren, introduzieren, doch jede Verantwortung refüsieren.

leichtfertig

HERZOGINWir wollen's wagen. –

Der Zeremonienmeister mit Verbeugung ab

plötzlich als Herold auftauchend

MEPHISTOPHELESWagen – und dabei gewinnen.

MEPHISTOPHELESSchönheit gefällt sich im Gefahrenspiel.

MEPHISTOPHELESDrum, schönste Frau, Ihr waget nicht zuviel,

MEPHISTOPHELESerlaubt Ihr meinem Herrn sich einzufinden.

MEPHISTOPHELESHier ist er selbst, Euch zu dienen.

Faust, von oben, und von weitem, langsam heran-kommend, müsste ein phantastisches Gefolge

schleppentragende Mohrenknaben, oder Affen

haben; und es sollte sein Erscheinen auffällig, wenn

auch nicht marktschreierisch wirken. Der Zeremonienmeister, halb führend, halb einladend,

tänzelt der Gruppe voran

CHOREr naht mit ihm das Wunderbare.

CHORWir werden staunen und erschauern.

CHORRingsum verborgene Geister lauern,

CHORumranken trügerisch das Wahre.

CHORDas lässt uns ahnen, wie das Nächtliche zutage tritt,

CHORso dass wir stumm geworden sind und zittern.

CHOREr sieht gebieterisch und schön,

CHORdas Ungewohnte ist an ihm natürlich.

CHORSäh er nicht stolz, wir hielten ihn für zierlich,

CHORer schüchtert uns, doch müssen wir ihn ansehn.

für sich

HERZOGINEr ist ein Fürst in Wesen und Geberde,

HERZOGINnoch niemals hat ein Mann mich so bestrickt.

für sich

HERZOGMich dünkt, die Hölle hat ihn hergeschickt.

für sich

MEPHISTOPHELESDer Wachthund bellt. Es blökt die Herde.

CHORSeltener Mann,

CHORseltsamer Gast!

CHORWas wird sich zeigen?

für sich

FAUSTDu stolzeste der Frauen, sollst mir der Preis sein!

kurz angebunden

HERZOGHerr Doktor, seid an unserem Hof begrüsst,

HERZOGund Dank, dass Eure Kunst Ihr uns erschliesst.

HERZOGWir hoffen, dass Ihr die Fürstin nicht enttäuscht.

HERZOGMögt Ihr beginnen?

leise für sich

HERZOGINWas wird sich zeigen?

halb für sich

FAUSTSeid unbesorgt! Es sei!

Er erhebt die Hände. Kurze Beschwörungsgeste oder Handlung Fausts. Ein Schwarm faunartiger Teufelchen dringt von allerwärts herein und verteilt sich behende in die Büsche

aufschreiend

FRAUENAh!

lachend

MÄNNERHa ha ha ha ha!

FAUSTVerzeiht, wenn ich zu eigen handle,

FAUSTTag ist dem Wunder abgewandt, Licht, sei verbannt,

FAUSTin Nacht dich wandle, Sterne herauf,

FAUSTam Himmels Rand!

Es wird sternenhelle Nacht. Die Umstehenden schreien gedämpft auf

FAUSTWas wünscht die schöne Herrin zu erschauen?

HERZOGINHab ich zu wählen?

Sie überlegt

zur Herzogin

HERZOGSo wählet!

Heimlicher

HERZOGFordert, verlangt Unmögliches!

mit Beziehung

HERZOGINOb jene Fürsten frühester Zeiten

HERZOGINbesseren Anstand trugen als jetzt?

HERZOGINDieses zu schauen möchte mir frommen,

HERZOGINlasset den König Salomo kommen.

Es erscheint der König Salomo auf dem Thron

HERZOGEin würdiges Bild.

ZEREMONIENMEISTERGewiss, ganz scharmant.

HERZOGINDoch gar zu streng. War er nicht auch galant?

So ihr es wünscht – zeigt er sich Euch als Pfleger schönen Umgangs.

Eine Harfe steigt auf vor Salomo. König Salomo

greift in die Saiten. Ein zweiter Thron steigt auf. Die

Königin von Saba tritt auf

HERZOGINWer ist die Schöne?

stirnrunzelnd

HERZOGSie gleicht Euch sehr!

ZEREMONIENMEISTERIst es Helene?

für sich

HERZOGINWohl gleicht sie mir und Faust dem mit der Krone.

Salomo steigt vom Thron und kniet vor ihr nieder

HERZOGDas ist recht dreist, es wird beinah zum Hohne!

FAUSTBalkis war sie und Sabas Königin.

FAUSTDen weisen Mann bezwang ihr weiserer Sinn.

Salomo und die Königin von Saba besteigen beide

den Thron

CHORSeht hier und dort,

CHORein gleiches Paar.

CHORWas hier gemeint

CHORwird offenbar.

CHORDas kecke Spiel

CHORbeschwört Gefahr.

HERZOGINEin andres jetzt. Könnt Ihr den Wunsch erraten?

FAUSTWendet den schönen Blick zu diesen Schatten.

misstrauisch

HERZOGWas ist's, das Ihr Euch wünschet?

HERZOGINIhr werdet's sehn.

Es erscheinen Samson und Dalila

HERZOGINSamson, Dalila, stehn in Lieb umschlungen.

ZEREMONIENMEISTERVon dieser Frau Verrat wird vieles erzählt und gesungen.

HERZOGINDass Liebe so mit Tücke sich verbände –!

FAUSTWas man erzählt, gehört in die Legende.

Hinter dem Paar erscheint eine schwarze Sklavin,

die Dalila die Schere reicht

CHORSie hebt die Schere –

CHORdas ist bekannt –

CHORdie listige Mähre –

CHORHa, wird er entmannt?

nervös

HERZOGINGenug davon! Ein neues Bild.

Die Erscheinung erlischt

HERZOGINUnd gebet jetzt, wozu Ihr selbst gewillt.

Johannes und Salome erscheinen; daneben der

Scharfrichter mit erhobenem Schwert. Letzterer

trägt die Züge des Herzogs

CHORJohannes und Salome!

FAUSTAuf einen Wink Salomes fällt das Haupt.

sich verratend

HERZOGINEr darf nicht sterben!

FAUSTAlso liebt Ihr mich.

Bewegung, Gemurmel

HERZOGINIch – bin des Herzogs Gattin.

FAUSTDennoch liebt Ihr mich – –.

HERZOGINSchweigt!

Gepresst

HERZOGINIch bin nicht ehrlos, bin nicht frei!

sie in seinen Bann zwingend

FAUSTKomm, o komm! Folge mir nach. – Ich führe dich in die Unermesslichkeit der Welten. Die Erde sei dein Reich, du ihre Königin, die Pracht des Orients. Komm! Die Kunst des Westens, was späte Zeiten einst zu Tage fördern: jetzt sind sie dein. Du kommst – du kommst –

für sich, beklommen

HERZOGINAch, er berückt mich, betört mich, ergreift mich! Lasst mich, o lasst mich! Bin ich Euch feil?! O still,

HERZOGINo schweiget!

HERZOGEndet das Spiel!

plötzlich zwischen das Paar tretend und gleichsam verkündend

MEPHISTOPHELESDas Spiel – es ist so gut als wie beendet.

Er räumt vor dem hinzutretenden Herzog den Platz

grimmig zu Faust

HERZOGErgötzlich war die Schau.

HERZOGHabt unsern Dank.

HERZOGIhr seid mein Gast am herzoglichen Tische.

Kurze betroffene Stille, darauf eiliges ungeordnetes

Abziehen der Gruppen. Er wendet Faust den Rücken

und bietet der Herzogin den Arm

CHORFort, zieht Euch zurück. Unheil schwebt. Fort! fort! fort!

MEPHISTOPHELESFolgt ihnen nicht!

FAUSTDu sagst?

MEPHISTOPHELESEntflieht. Verlasst den Hof!

MEPHISTOPHELESDen Herzog habt Ihr aufgereizt. Die Speisen sind

MEPHISTOPHELESvergiftet. Ich wag mich nicht hinein. Der hohe Klerus sitzt, im Ornat, beim Mahle. Nützet den Augenblick.

FAUSTIch ziehe nicht allein.

MEPHISTOPHELESIch weiss. Das macht sich ganz wie von selbst. Es liegt in meinem Plan: also geschieht's. Nun kommt.

Sie ziehen zugleich mit den letzten Gästen schnell

ab. Leere Bühne. Eine fahle Dämmerung beleuchtet

die Szene

tritt auf die Bühne, wie im Traume schreitend, die Arme vorgestreckt

HERZOGINEr ruft mich wie mit tausend Stimmen,

HERZOGINer zieht mich wie mit tausend Armen;

HERZOGINich fühl, in einem, tausend Augenblicke

HERZOGINund jeder einzelne verkündet ihn, ihn allein.

HERZOGINWer ich gewesen, und was ich vorstellte,

HERZOGINist mir entschwunden – seh nur den einen Weg,

HERZOGINden Weg zum teuren Manne.

HERZOGINJa, ja, ich komme,

HERZOGINschreite mit dir

HERZOGINdurch unbegrenzte Räume;

HERZOGINdie Erde wird mein Reich,

HERZOGINIch ihre Königin!

HERZOGINWas späte Zeiten einst zu Tage fördern,

HERZOGINbald ist dies alles mein – mein!

HERZOGINIch schreite dann an seiner Hand

HERZOGINin unbegrenzte Bezirke.

HERZOGINBei dir, bei dir

HERZOGINdie Unermesslichkeit.

HERZOGINFaust, du, mein Faust! – ich komme! –

HERZOGINFaust, du mein Faust, ich folge dir!

Sie schreitet langsam hinaus. Plötzlicher Tag.

Der Herzog und Mephistopheles, der als Hofkaplan

erscheint

heimlich und aufgeregt

HERZOGWas Wichtges sagt Ihr? Was ist's, mein Vater?

MEPHISTOPHELESErgebt Euch, Fürst, die Herzogin entkam!

HERZOGMit – ihm?

Mephistopheles nickt

HERZOGMan setze ihnen nach!

MEPHISTOPHELESWonach? Ins Blaue?

MEPHISTOPHELESMit diesen beiden Augen sah ich sie

MEPHISTOPHELESauf Flügelrossen durch die Lüfte treiben.

Er nickt wieder

MEPHISTOPHELESAm besten wär's, man hielte reinen Mund.

Der Herzog bekreuzigt sich und kniet nieder; süsslich

MEPHISTOPHELESDie Macht des ... Bösen ist nicht unterschätzbar. Ich rate, Sohn, schaut Euch nach Neuem um.

HERZOGWas sagt Ihr?

MEPHISTOPHELESHört nur. Ferraras Herzog droht Euch mit Krieg.

MEPHISTOPHELESUm dessen Schwester werbet. So läuft's in Güte ab.

aufstehend, fromm

HERZOGDer Himmel spricht aus Euch.

für sich

MEPHISTOPHELESDer Staat Venedig schluckt sie bald selbander,

MEPHISTOPHELESbeim Rat der Drei weiss ich mich wohl gelitten,

MEPHISTOPHELESund hoffe diese Kleinigkeit schicklich zu fördern.

Zum Herzog, laut, heuchlerisch

MEPHISTOPHELESMein Sohn, fasse Ver-trauen!

Der Herzog küsst Mephistopheles die Hand.

Mephistopheles erhebt die Rechte wie zu segnender

Geberde, aber die Hand spreizt sich zur Kralle. –

Vorhang

SYSTEMZWEITES BILD

Schenke in Wittenberg. Faust und Studenten

noch hinter dem Vorhang

CHORSo lang man Jugend hat, lebt man als Nimmersatt.

CHORBah!

CHORJuvenes dum sumus!

CHORGaudeamus igitur. –

CHORProsit, prosit, prosit!

Studenten an verschiedenen Tischen in geteilten

Gruppen. Die Disputierenden enger um Faust

sitzend; die Unbeteiligten mehr abseits

ERSTER STUDENTDass ihr mir die Platonische Lehre recht begreifet.

andere Gruppe, angeheitert

STUDENTENSo lang du trinken kannst,

STUDENTENfüll dir den schlappen Wanst.

CHORStill! Denn es wird hier diskutiert.

ERSTER STUDENTDass ihr mir Platos Lehre ja recht begreifet:

ERSTER STUDENTden Teller hier, den runden, ganzen Teller,

ERSTER STUDENTmach ich zu Scherben.

Er zerbricht einen Teller

CHORKlatsch!

ERSTER STUDENTDoch der Begriff des Tellers bleibt bestehn.

parodierend

CHORDoch der Begriff des Tellers bleibt bestehn!

spöttisch klagend

ZWEITER STUDENTDoch der ist hin, dein Witz kann ihn nicht kitten.

zurückgebend

ERSTER STUDENTDank Gott, wenn deiner noch zusammenhält.

THEOLOGEDagegen eifern die Kirchenväter;

THEOLOGEwas Gott geschaffen, gilt als unzerstörbar,

THEOLOGEdoch jedes Menschen Bau zerfällt in Nichts.

parodierend

EINIGE JUNGE MÄDCHENZerfällt in Nichts! – Nichts!

VIERTER STUDENTBeim nächsten Gang prügl ich dich windelweich, schonungslos, um festzustellen, ob Gott dich geschaffen.

CHORHahaha! Um festzustellen, ob Gott ihn erschaffen.

VIERTER STUDENTUnd ob du unzerstörbar bist.

CHORSo lang man Jugend hat,

CHORlebt man als Nimmersatt.

CHORGaudeamus igitur

CHORJuvenes dum sumus.

belehrend

JURISTNach dem Gesetz ist Eigentum geschützt

JURISTvor Raub und vor Zerstörung.

Zum ersten gewandt

JURISTMit dem zerbrochenen Teller machst du dich strafbar.

ERSTER STUDENTWar es doch eine reine platonische Handlung.

NATURGELEHRTERAlles zerfällt, doch bildet es sich neu, verwandelt sich unendlich, geht über in verschiedne Formen und Gattungen.

EIN ANDERERAls wie dein lustiger abendlicher Affe zum melancholschen Kater des Morgens wird.

ERSTER STUDENTDoch die platonische Lehre –

schneidet ihm das Wort ab

THEOLOGEWas Gott geschaffen, das gilt.

ebenso

JURISTNach dem Gesetz bleibt Eigentum geschützt.

ebenso

NATURGELEHRTERAlles zerfällt, verwandelt sich ewig.

CHORProsit, Prosit! So werden wir nicht fertig bis zum Morgen, mit Kater nicht, noch ohne Kater.

CHORGaudeamus

CHORJuvenes sumus.

ERSTER STUDENTDer Meister spreche.

MEHREREJa, der Meister spreche.

FAUSTNichts ist bewiesen und nichts ist beweisbar.

FAUSTBei jeder Lehre hab ich neu geirrt.

FAUSTGewiss ist nur, dass wir kommen um zu gehen:

FAUSTWas zwischen liegt, ist das, was uns betrifft.

FAUSTDrum weis' ich auf des grossen Protestanten

FAUSTlebendigen Spruch –

ERSTER STUDENTDen Spruch eines Abtrünnigen –

Hier gruppieren sich die beiden Studenten-Chöre in

Katholiken und Protestanten

ZWEITER STUDENTEines Helden und Heiligen –

DRITTER STUDENTEines Prahlers –

VIERTER STUDENTEines Ketzers.

STUDENTENIch seh' ihn ganz als einen neuen Heiland, einen aufrechten deutschen Mann –

ERSTER STUDENTBah! der rechte Heiland war doch gar kein Deutscher! –

Protestanten

CHORIhr Päpstlichen bleibt doch die ärgsten Ketzer –

Katholiken

CHORSäss't ihr in Spanien, wär't ihr längst verbrannt –

Protestanten

CHORUnd ihr seid ausgebrannt, ein Häufchen Asche –

KATHOLIKENZum Teufel ihr –

PROTESTANTENUnd ihr zur tiefsten Hölle –, zum Teufel selber – –

PROTESTANTENist ein Held und ein Heiliger,

PROTESTANTENist ein aufrechter deutscher Mann,

PROTESTANTENder neugeborne Heiland.

belustigt, gütig beschwichtigend

FAUSTIhr Freunde, seid mir doch über Teufel und Hölle einer Meinung. Der Spruch, auf den ich wies, wird euch ver-

FAUSTsöhnen. Er sagt, dass Wein, dass Frauen, Kunst und

FAUSTLiebe zu den vernünftigen tröstlichen Dingen des

FAUSTLebens zu rechnen sind, und schliesset mir mit ein

FAUSTdie zarten, heiteren, jubelnden Weisen der heiligen

FAUSTTonkunst.

PROTESTANTENHoch die Frauen!

KATHOLIKENHeil dem Gesange.

PROTESTANTENDoktor Martin, er lebe! Vivat!

KATHOLIKENSamt Teufel und Hölle.

KATHOLIKENTe, Deum, laudamus,

KATHOLIKENqui fecisti vinum,

KATHOLIKENTe, Dominum, glorificamus,

KATHOLIKENqui feminam creavisti.

KATHOLIKENDum puellas adoramus,

KATHOLIKENte eiscum exultamus.

KATHOLIKENCirculate pocula

KATHOLIKENin saeculorum saecula.

springen glaubensbesessen auf

PROTESTANTEN»Ein' feste Burg ist unser Gott,

PROTESTANTENein' starke Wehr und Waffen,

PROTESTANTENer hilft uns frei aus aller Not,

PROTESTANTENdie uns jetzt hat betroffen.«

Tumult. Man steigt auf Bänke und Tische, entkorkt

Flaschen, umarmt einander. – Die Protestanten

gehen, im Gänsemarsch, entrüstet ab, mit

hochgehobener Hand. – Die Studenten leeren

sämtlich die vollen Gläser und setzen sie, mit einem

Schlage, auf den Tisch nieder

STUDENTENIhr, Doktor, weit gereist, erfahren, müsset den Frauen viel begegnet sein.

Zögernd

STUDENTENMöchtet Ihr nicht ein Weniges verraten?

Faust wird nachdenklich

EINIGE JUNGE MÄDCHENWie die Erinn'rung ihn sichtbar ergreift.

ANDEREEr sieht nicht glücklich aus.

der die letzten Worte aufgegriffen, still

Nur der blickt heiter, der nach vorwärts schaut.

Er versinkt in Erinnerung – zur Mitteilung sich ent-schliessend

FAUSTVon allen Frauen, die mich geliebt, die Schönste, war eine Herzogin aus welschem Lande –.

EINIGE JUNGE MÄDCHENHört, eine Fürstin –

ANDEREGar eine Fränzin.

FAUSTAn ihrem Hochzeitstag gab sie sich mir zu eigen.

EINERIhr habt sie wohl verzaubert und behext?

FAUSTWenn Wohlgestalt und Geist und Mannheit zaubern,

FAUSTso hab ich sie behext in aller Form.

EINERIst's lange seither?

FAUSTWohl kaum ein Jahr ist's her, doch ferne

FAUSTliegt's hinter mir. Die Spur hab ich verloren.

FAUSTOb sie noch meiner denkt –?

als bestaubter Kurier, zeigt sich am Eingang. Unruhe, Bewegung unter den Studenten

MEPHISTOPHELESLasst euch nicht stören. Zu melden hab ich:

MEPHISTOPHELESDie Herzogin von Parma ward begraben; dies schickt sie Euch als ein letztes Gedenken!

Er wirft Fausten ein totes neugeborenes Kind vor die Füsse

ALLEWer ist der Mann? Entsetzlich!

ALLEVerdächtiger Geselle! –

ALLESicher ein gedungner Helfer,

ALLEein Mörder, ein Verbrecher,

ALLEein verdächtiger Schurke! Bekennet!

MEPHISTOPHELESGemach, ihr Herren, den Boten trifft keine Schuld.

MEPHISTOPHELESIch selber leide, dass ich mit nichts Gefälligerem kann aufwarten; denn so verhält sich die Begebenheit,

MEPHISTOPHELESsie spielt in Parma. Dort war ein dummer Herzog, der freit' eine geile Frau, der Bräutigam ihr schwer wog,

MEPHISTOPHELESdenn er war so fromm und so flau.

MEPHISTOPHELESDa kam daher ein Doktor, trat auf mit grosser Pracht,

MEPHISTOPHELESDer nahm sie ohne weit'res an ihrer Hochzeitsnacht.

CHORGut gemacht!

MEPHISTOPHELESAuf Höllenflügelrossen entführt er sie durch die Luft,

MEPHISTOPHELESsie schwoll mit einem Sprossen,

MEPHISTOPHELESund er sich erwies ein Schuft.

MEPHISTOPHELESDie Frau mit ihrem Kinde, er liess sie, wo sie stand,

dass ich ihn hier wiederfinde, erscheint mir ungalant.

betreten

CHORSollt' er es sein?!

MEPHISTOPHELESAuf ihrem Sterbebette hat sie ihm den Balg vermacht,

MEPHISTOPHELESes fehlt nicht viel, ich hätte lebendig ihn hergebracht.

MEPHISTOPHELESDoch unterwegs krepiert er, ich hielt ein Aas im Arm.

MEPHISTOPHELESIch hoffe, diese Geschichte klingt gänzlich ohne Harm.

MEPHISTOPHELESIch berichte diese Geschichte noch eben brühewarm.

CHORHört, o hört, o schändlich, o grausig.

CHORWas meint der Mann? Erklärt Euch!

CHORGenug, genug! Wehe dem Bösen.

Sich zusammendrängend

MEPHISTOPHELESNehmt's nicht zu tragisch. Seht genauer hin.

MEPHISTOPHELESEin Püppchen ist's aus Stroh.

Er holt von der Stelle, wo das Kind lag, ein Strohbündel hervor

MEPHISTOPHELESSchaut! und nicht einmal recht täuschend nachgeahmt.

Er zeigt das Strohbündel im Kreise umher

CHOREin Strohwisch!

MEPHISTOPHELESUnd zur Ergötzung wollen wir es verbrennen,

MEPHISTOPHELESauf dass der böse Schreck sei ausgetilgt.

Er zündet das Bündel an und schürt es durch Beschwörungsgesten

MEPHISTOPHELESAlso verbrenn' ich das, was gewesen ist,

MEPHISTOPHELESzu Asche wandl' ich, was nicht mehr lebt,

MEPHISTOPHELESein Schöneres soll dir zum Trost erstehn.

FAUSTWas gaukelst du mir vor?

MEPHISTOPHELESHab' erst Geduld!

Geheimnistuerisch

MEPHISTOPHELESSie schreitet aus entlegenen Zeiten und schleppet nach sich das Schicksal zweier Völker, masslos an Schönheit, unerschöpft an Liebe, an Jugend unvergänglich, Helena.

Die Flamme steigt höher

ungläubig, doch erregt

FAUSTHelena, sie sollt' ich schauen?

MEPHISTOPHELESUnd sie fassen.

FAUSTEin Trugbild.

MEPHISTOPHELESNein, sie selbst.

FAUSTEr spricht nicht wahr.

wendet sich wieder zum Feuer

MEPHISTOPHELESDucke dich, Flamme. Rauchsäule steige,

MEPHISTOPHELESNimm an Gestalt.

FAUSTMich durchschauert

FAUSTVollkommenheitsgewalt!

FAUSTWerd' ich's ertragen?

CHORIst's Scherz, ist es Betrug?

CHORSakrileg?

Die Studenten schleichen sich fort

MEPHISTOPHELESSieh, wie die Laffen sich seitwärts schlagen.

MEPHISTOPHELESHe he he he he he!

MEPHISTOPHELESDer Akt vollzieht sich.

MEPHISTOPHELESDie Luft ist rein.

MEPHISTOPHELESEin Dritter müsste stören,

MEPHISTOPHELESIch lass euch drum allein,

MEPHISTOPHELEShoffe noch davon zu hören.

Er geht ab

allein

FAUSTTraum der Jugend,

FAUSTZiel des Weisen!

FAUSTReinster Schönheit

SYSTEMBildvollendung:

FAUSTDich zu üben,

FAUSTDich zu preisen,

FAUSTDich zu lehren

FAUSTWar mir Sendung

FAUSTUnerkannte,

FAUSTUnerreichte,

FAUSTUnerfüllte,

FAUSTtritt hervor!

Durch Rauch und Flamme treten die Umrisse der

Figur stetig deutlicher hervor

FAUSTWas ich sehnte

FAUSTwas ich wähnte:

FAUSThöchsten Wunsches

FAUSTRätselformen.

Ein vollkommen schönes, junges Weib, in durchsichtigem Schleier, im übrigen nackt, steht unbeweglich.

Zugleich hat der neue Hintergrund das Bild der Schenkstube völlig verdrängt

FAUSTIch schaue dich ...

FAUSTUnd nun werd ich dich halten!

FAUSTNur Faust, berührte je das Ideal!

Faust nähert sich der Gestalt; diese weicht zurück

FAUSTDu weichst, entfliehst, ...

FAUSTkannst du dich vielgestalten?

FAUSTHelena, endlich zu mir!

Als er sie endlich zu halten wähnt, zerfliesst die

Erscheinung in Nichts

FAUSTAch, abermals betrogen!

FAUSTVerschwunden nun für immer!

FAUSTDer Mensch ist dem Vollkommenen

FAUSTnicht gewachsen.

Resigniert

FAUSTEr strebe denn

FAUSTnach seinem eigenen Mass

FAUSTund streue Gutes aus,

FAUSTwie es ihm gegeben

FAUSTIch weiser Narr,

FAUSTich Säumer, ich Verschwender!

FAUSTNichts ist getan,

FAUSTalles zu beginnen;

FAUSTder Kindheit fühl' ich

FAUSTwieder mich genähert.

Seherisch

FAUSTWeithin schaut auf mein junges Gelände,

FAUSTdort unbebaute Hügel, schwellendes Erdreich,

FAUSTführen zu neuem Aufstieg.

FAUSTWie verheissend lächelt das Leben

FAUSTim erwachenden sonnelichten Tag!

Als er sich umblickt, gewahrt er, schemenhaft umrissen, drei Gestalten

FAUSTNaht das Verhängnis?

Laut

FAUSTNennt euch mit Namen!

DIE DREIStudenten aus Krakau.

FAUSTIhr seid's. Und welcher Art sind heute eure Wünsche? Sprecht!

ERSTERDas Buch abzufordern.

ZWEITERDen Schlüssel.

DRITTERMir die Briefschaft.

FAUSTZu spät, sie hab' ich vernichtet.

starr

DIE DREIFaust, deine Frist ist um. Zu dieser

DIE DREIMitternacht bist du vergangen.

FAUSTWas wollt ihr wissen?

FAUSTIhr seid entlassen, entfernt euch.

Mit weltmännisch-gebietender Gebärde weist er die drei hinaus, die in Dunst aufgehen

DIE DREIFahr' hin, Faust.

befreit

FAUSTVorbei, endlich vorbei!

FAUSTFrei liegt der Weg, willkommen

FAUSTdu meines Abends letzter Gang, –

FAUSTwillkommen bist du.

Schickt sich an zu gehen

Vorhang.

SYSTEMLETZTES BILD

Verschneite Strasse in Wittenberg. Links einer der

Eingänge zum Münster. Um die Ecke, an der nämlichen Mauer, ein lebensgrosses Kruzifix mit

Kniestufe davor. Es ist Nacht

FAUSTDES NACHTWÄCHTERS STIMME (Mephistopheles)

FAUSTIhr Männer und Frauen, lasst euch sagen,

FAUSTdie Glocke hat Zehn geschlagen.

FAUSTZehn geschlagen.

FAUSTBewahrt das Feuer, bewahrt das Licht,

FAUSTdass kein Schaden der Stadt geschieht,

FAUSTZehn ist die Glock'.

Es treten, nacheinander, einzelne Gruppen von

Studenten auf, die vor dem Eingange des Hauses,

das rechts dargestellt erscheint, sich aufstellen und

versammeln. Zuletzt Wagner, ehemaliger Famulus,

jetzt Rector Magnificus, umgeben von seinen

Vertrauten

ERSTER STUDENTDie Antrittsrede Euerer Magnifizenz war unvergleichlich. –

EINIGE JUNGE MÄDCHENMusterhaft. –

ANDEREMeisterlich. –

ANDERECum perfectione! –

akklamierend

ALLEMeinen Glückwunsch! Gratulor, – Doctor Christophorus Wagnerus, – Rector Magnificus.

WAGNERQualis orator, talis oratio. – Ich war wahrlich darauf nicht gefasst.

MEHRERESie hätten nicht glänzender Ihr hohes Amt antreten können.

EINEREndlich der eines Fausten würdige Erbfolger!

ALLEGratulor, gratulor, gratulor!

WAGNERJe nun, der Faust war mehr von einem

WAGNERPhantasten; als Gelehrter nicht eigentlich vollwichtig, und, gnad' uns Gott, sein Wandel war anstössig.

WAGNERGenug: ich bin das Feiern nicht gewohnt – die

WAGNERspäte Stunde – die gewaltige Arbeit – kurzum, ihr

WAGNERHerren, gute Nacht.

Er zieht sich in das Haus zurück

STUDENTENEuerer Magnifizenz wohl zu ruhen.

STUDENTENStimmet an! lala, lalala Silentium!

Klatschen dreimal in die Hände, mit den Akkorden zugleich. Sie stimmen an:

STUDENTENWenn das Wissen mit der Tugend

STUDENTENWürde sich dem Manne paart,

STUDENTENdann ergreifet unsre Jugend

STUDENTENEhrfurcht vor dem langen Bart.

STUDENTENHut ab vor dem alten Haus,

STUDENTENihm gebühret summa laus.

STUDENTENEuerer Magnifizenz

STUDENTENalleruntertänigste Reverenz.

STIMME DES NACHTWÄCHTERSIhr Männer und Frauen, lasst euch sagen,

STIMME DES NACHTWÄCHTERSdie Glocke hat Elf geschlagen.

STIMME DES NACHTWÄCHTERSBewahrt das Haus, bewahrt die Ehr',

STIMME DES NACHTWÄCHTERSdass der Nachbar nicht sich beschwer'.

STIMME DES NACHTWÄCHTERSElf ist die Glock'.

Die Studenten, befangen geworden, brechen das

Ritornell ab

nehmen das unterbrochene Ritornell wieder auf

STUDENTENWenn die Schöne mit der Tugend

STUDENTENAnmut sich den Mädchen eint,

STUDENTENdann ergreifet unsre Jugend – –

Der Nachtwächter schreitet im Hintergrunde über

die Bühne. Die Studenten flüchten wie Knaben um die nächste Ecke

EINIGE JUNGE MÄDCHEN– – die Flucht.

ANDEREFugam.

ALLEFugam, die Flucht.

Man hört die Studenten draussen zu Ende singen

ALLEDann ergreifet unsre Jugend

ALLEetwas, das am hellsten scheint.

ALLEWürde schreitet hölzern-alt,

ALLEWeisheit fühlt sich an so kalt.

ALLEVor des Weibs Magnifizenz

ALLEallertiefste Reverenz.

Faust tritt auf. Auf den Eingangsstufen des Hauses

eine Bettlerin, einen Säugling im Arm

FAUSTDas Haus ist mir bekannt, es war das meine.

FAUSTWeiss auch, wessen das Licht einst, das dahinter

FAUSTglimmt. Da sitzest du, Pedant, auf meinem Stuhl,

FAUSTund wähnst dich sitzend höher als ich sass. O Nacht

FAUSTder Nächte, Stunde du der Stunden. Wie fass' ich

FAUSTeuch, dass ihr mein krankes Herz mit mir versöhnet!

vom Innern der Kirche her

CHORDer Tag des Gerichts ruft uns herauf,

CHORAlle Seelen folgen dem tönenden Licht.

CHORAuferstehet!

CHORVerhüllten Auges harren sie bang des erlösenden

CHORRichterwortes, doch die Böses vollbrachten,

CHORind auf ewig verbannt.

FAUSTQuälendes Herz! Du kennst keine Vernunft!

FAUSTDie Mutter lehrte mich, ein gutes Werk bringt

FAUSTHeilung dem, der's tut – –.

FAUSTWelches Werk denn –?

Er erblickt, auf den Eingangsstufen des Hauses

gekauert, eine Bettlerin, ein Kind im Arme

FAUSTDu ärmstes Weib, nicht elender als ich,

FAUSTmein letztes Gut sei dein; ah!

Er erkennt die Herzogin

FAUST– die Toten leben fort!

streckt Faust das Kind entgegen

HERZOGINNimm, nimm das Kind,

HERZOGINzum dritten Male

HERZOGINschenk' ich es dir.

HERZOGINnoch ist es Zeit –

HERZOGINnoch ist es Zeit, vollende,

HERZOGINvollende du vor Mitternacht das Werk.

Faust empfängt das Kind, die Bettlerin verschwindet

FAUSTMeine bösen Geister sie treiben ihr Spiel.

FAUSTEin Höherer soll euch bannen. Nun stehe,

FAUSTGott, mir bei!

Er will in die Kirche dringen, die plötzlich von innen hell erleuchtet erscheint. Aus der Kirchentür tritt der geharnischte Bruder und wehrt den Eingang

CHORGott, der nicht immerdar

CHORder Herr der Milde

CHORund der Gnade ist,

CHORzu Zeiten auch der Rache,

CHORder Vergeltung und der Strafe,

CHORals den du sollst ihn erkennen,

CHORer hört nicht dein Gebet, nein, nein.

FAUSTAuch du! Lass mich, lass mich!

Der Geharnischte streckt ihm das Schwert entgegen

FAUSTHinweg, ich hab' zu beten!

FAUSTZergehe, du Höllenspuk, noch bin ich Herr!

Die Erscheinung schwindet. Faust schleppt sich, das

Kind im Arm, zu den Stufen des Kruzifixes

FAUSTO, beten, beten! Wo die Worte finden?

FAUSTSie tanzen durchs Gehirn wie Zauberformeln. – –

FAUSTIch will wie ehmals aufschauen zu dir.

Er richtet den Kopf auf. Der Nachtwächter, von hinten herangeschlichen, hebt seine Laterne. In ihrer Beleuchtung verwandelt sich der Gekreuzigte in Helena

FAUSTVerdammnis! Gibt es keine Gnade? Bist du

FAUSTunversöhnbar?

Der Nachtwächter entfernt sich. Faust reckt sich neu gekräftigt auf

FAUSTSo sei das Werk vollendet.

FAUSTHilf, Sehnsucht,

FAUSTUrzeugerin,

FAUSTzwingende,

FAUSTerfüllende Kraft,

FAUSTdich ruf' ich an zu höchstem Tun.

Faust legt das tote Kind auf den Boden, deckt es mit

seinem Mantel, löst den Gürtel, ... tritt in den Kreis

beschwörend, verzückt

FAUSTBlut meines Blutes

FAUSTGlied meines Gliedes,

FAUSTUngeweckter,

FAUSTGeistig-reiner,

FAUSTnoch ausserhalb aller Kreise

FAUSTund mir in diesem

FAUSTinnigst verwandt,

FAUSTdir vermach' ich mein Leben:

FAUSTes schreite

FAUSTvon der erdeingebissenen Wurzel

FAUSTmeiner scheidenden Zeit

FAUSTin die luftig knospende Blüte

FAUSTdeines werdenden Seins.

FAUSTSo wirk' ich weiter in dir,

FAUSTund du zeuge fort

FAUSTund grabe tiefer und tiefer

FAUSTdie Spur meines Wesens

FAUSTbis an das Ende des Triebes.

FAUSTWas ich verbaute,

FAUSTrichte du grade,

FAUSTwas ich versäumte,

FAUSTschöpfe du nach,

FAUSTso stell' ich mich

FAUSTüber die Regel,

FAUSTumfass in Einem

FAUSTdie Epochen

FAUSTund vermenge mich

FAUSTden letzten Geschlechtern:

FAUSTich, Faust,

FAUSTein ewiger Wille!

Er stirbt

STIMME DES NACHTWÄCHTERSIhr Männer und Frauen, lasst euch sagen,

STIMME DES NACHTWÄCHTERSdas Wetter hat umgeschlagen,

STIMME DES NACHTWÄCHTERSder Frost kündigt sich an,

STIMME DES NACHTWÄCHTERSdie Glocke schlägt die Mitternacht.

An der Stelle, wo das tote Kind lag, ist ein nackter, halbwüchsiger Jüngling aufgestiegen, einen blühenden Zweig in der Rechten. Mit erhobenen Armen schreitet er über den Schnee in die Nacht und in die Stadt hinein. Der Nachtwächter (Mephistopheles) erscheint und leuchtet mit der Laterne über den dahingestreckten Faust.

MEPHISTOPHELESSollte dieser Mann verunglückt sein?

Vorhang