Lied
F. Grund
Zeiten schwinden, Jahre kreisen,
und so wechseln Wieg' und Grab:
Menschen werden, blühn und greisen,
treten auf und treten ab.
Flüchtig sind des Bluts gefühle
wenn es durch die Adern irrt:
glücklich, wer noch fern vom Ziele
seines Lebens weise wird.
Rüstig schwinget ihre Flügel
die uns zugemessne Zeit,
und mit tiefverhängtem Zügel
fliehet die Gelegenheit,
vielen Menschen bis zur Asche
unerkannt, ein fremder Gast:
wohl dem Weisen der die Rache
muthig bey der Stirne fast!
Seht den Frühlingsbach! wie helle
spiegelt sich in ihm der Hain;
Seht auf jeder Silberwelle
tanzen Zephirs ihre Reihn;
kühlen lieblich uns und schwinden,
wie die Well' am Ufer hin:
Brüder, lernt die Freuden finden;
sie genießen, ist Gewinn.
Ob sich auch ein Sturm erhübe,
güsseschwanger stundenlang,
daß er wirbelnd flöss' und trübe:
hört! es ist ein Übergang.
Die Gewitterwolken scheiden
vor dem Strahl des Sonnenlichts.
Brüder, im Vergleich der Freuden
sind des Lebens Leiden nichts.
Heiter wird die Luft, und heiter
fließt der Bach, und aufgeklärt
längst des Ufers Blumen weiter,
die er küßt und küssend nährt.
Wandrer lächeln ihm entgegen,
deren Mittagsdurst er wehrt.
Brüder, um der Brüder Segen
sey die Spanne Zeit uns werth!
Glücklich, wer in solchen Bilde
seiner Zeit Bestimmung sah!
Selbstverbeßrung, Menschenmilde,
ob der Pflichten sind wir da.
Stündlich mit dem Licht vertrauter,
das dem Weisen leuchten kann,
laßt uns Menschen seyn, und lauter,
und den Menschen zugethan!
Dieses Leben gleicht dem Feste,
das ein Freund den Freunden giebt;
Freunde sind wir, Freund' und Gäste
eines Freundes, der uns liebt.
Brüder, winkt dereinst die Pause,
laßt uns unerschrocken stehn,
und vom freundschaftlichen Schmause
als vergnügte Gäste gehn!